III. Das geheimnisvolle Feuer 2



Terraishi, der sich auf der Kasugastraße von Hagimura getrennt hatte, stieg den Gokurukusiabhang hinunter, wo er etwa zehn Minuten eher als Hagimura auf der gegenüberliegenden Seite am Haksuanabhang anlangte.
Er wohnte in der zweiten Etage des Büros der zweiten Abteilung der Gewerkschaft, der Wohnung Hagimuras gerade gegenüber; unten im Tal zwischen ihnen, lag "die Straße ohne Sonne".
Er war von kurzer, gedrungener Gestalt, lief immer in einem alten Studentenmantel herum und trug eine Brille für hochgradige Kurzsichtigkeit. Auf seinem Wege wurde er sonst häufig von den Polizisten aus den Schilderhäusern angerufen. Aber heute war, als er etwas ängstlich an diesen Kästen vorbeieilte, kein Beamter zu sehen. Er ging rasch den Weg hinunter; plötzlich hörte er hinter sich Tritte und, als er sich erschrocken und vorsichtig umsah, kamen zwei uniformierte Polizisten aus der Wache und sahen hinter ihm her. Er setzte ohne sich umzusehen seinen Weg fort, achtete aber auf alles, was hinter seinem Rücken vorging. So entging ihm, daß rechts von ihm, über seinem Kopf, ein Mensch auf dem Gitter stand.
" Was?" Er schrak auf, als plötzlich zwei Meter vor ihm ein Mann im europäischen Anzug vom Gitter herunter auf die Straße sprang. Der Mann stand eilig vom Boden auf, griff seinen herabgefallenen Hut und rannte an ihm vorbei den Abhang hinauf.
Das Benehmen des Mannes war merkwürdig, frech und verlegen zugleich. Terraishi dachte unwillkürlich, der Mann sei ein verkleideter Kriminal. "Was hat das zu bedeuten?"
Hinter diesem Gitter, von dem der Merkwürdige herunterkam, befand sich ein kleiner, leerer Platz auf dem erst vor kurzem fünf oder sechs neue Baracken gebaut waren. Früher, ehe das eiserne Gitter aufgestellt war, konnte man hier direkt in die Fabrik hineinschlüpfen. Er hatte es selbst einige Male gemacht, war in der Mittagspause heraus und wieder hereingeschlichen.
" He, der Kerl ist aus der Fabrik gekommen!"
Eine böse Ahnung überkam ihn, aber er hatte Angst, sich umzusehen, er wußte, wenn die Polizisten ihn erkannten, würde er bestimmt sofort verhaftet, da man ihn schon einige Tage suchte.
Unten am Abhang stand ein altes Tempeltor des alten buddhistischen Gokuraku-Si. An dieser Stelle bog die Straße zur "Straße ohne Sonne" hinüber.
Es war mittlerweile so hell geworden, daß man Gesichter unterscheiden konnte. Die Läden zu beiden Seiten lagen noch in tiefem Schlaf. "Halt, halten Sie, hallo -"
Plötzlich trampelten eilige Schritte hinter ihm her, er wendete sich um und sah die beiden Polizisten, die aus der Wache gekommen waren, und den Mann mit dem Schnurrbart; sie rannten auf ihn zu. "Aus! zum Teufel!"
Ohne zu überlegen, rannte er instinktiv los; er wußte, daß jetzt alle Streikleiter ohne jeden Grund verhaftet wurden. Der abschüssige Weg beschleunigte seinen Lauf, er rannte, was die Beine hergeben wollten; da riß der Riemen seiner Holzsandale und er stürzte.
" Du Hund, du hast das Feuer angelegt!"
Vor Terraishi, dem die Polizisten beide Arme nach hinten gedreht hatten, drängte das Gesicht des europäisch gekleideten Mannes, der ihn so anbrüllte.
" Feuer angelegt -?" Wenn er nur deswegen festgenommen wurde, schien es ihm selber komisch, daß er überhaupt fortgelaufen war. Er zwang sich, ruhig zu bleiben und fragte, was diese Bemerkung bedeuten sollte.
" Was heißt, Feuer angelegt?"
" Sag die Wahrheit und lüge nicht lange, du Hund!"
Der Spitzel schlug ihm mit der Faust ins Gesicht, daß seine Brille fortflog. Er begriff gar nicht, was sie von ihm wollten - wo war denn eigentlich Feuer - er sah sich in der Straße um, in der nichts zu sehen war.
" Quatsch nicht lange und geh' schon!"
Die Polizisten zu beiden Seiten drehten ihm die Arme aus und schleiften ihn den Weg zurück den Abhang hinauf. Als sie um das Tempeltor herumgingen, schlug plötzlich die Feuerglocke rasselnd Alarm. Wirklich, aus dem Gitter, wo vorhin der Spitzel herabgesprungen war, stieg schwarzer Rauch in dicken Wolken zum Himmel auf. Terraishi kniff die Augen zusammen, weil er seine Brille verloren hatte, sah über den Schultern der Polizisten Rauch und über sein Gesicht flog ein Schatten der Angst.
" Zum Teufel, ihr habt mich in die Falle gelockt!"
Nun begriff er, zu welchen brutalen Mitteln seine verhaßten, mächtigen Feinde griffen, und sah sich das Gesicht mit dem Schnurrbart, das sich schamlos zu ihm wandte, genau an. "Frecher Lump, geh' weiter!"
Er biß sich auf die Lippen, als er abermals niedergestoßen wurde. Frecher Lump - wer? ich oder ihr? Das Blut stieg ihm vor Empörung in den Kopf, sein Hirn umnebelte sich wie mit schwarzem, wirbelndem Rauch.

Das geheimnisvolle Feuer breitete sich mehr und mehr aus und ließ seine Funken über die Fabrik regnen.
Das Rasseln der Feuerglocken und die Sirenen der rasenden Feuerwehrautos weckten die tote Straße ohne Sonne lärmend auf. Feuer in der Fabrik! - Geräusch sich öffnender Türen - eilige Schritte - schreiende Stimmen - aus den Baracken winselte das Weinen der Kinder - einige schrien aus dem Schlaf geschreckt, als hätten sie sich verbrannt. "In der Fabrik!" "Bei der Gesellschaft!"
Die Leute aus den Baracken rannten auf die Brücke über dem Senkawa-Kanal in zerissenen Schlafhemden und alten schmutzigen Doteras (Anm.: Dick gefütterte Kimonos). "Teufel, sollst lieber ganz zu Asche werden!"
Die Flammen beleuchteten grell die roten Ziegelgebäude, flogen brausend seitwärts zum Walde des Seminars und erleuchteten den Himmel. "Siehst du, das ist die Strafe Gottes!" "Die Streikbrecher werden schön blaß sein!" Aber sie sollten selber blaß werden.
Eine größere Gefahr als das Feuer drohte in ihrem Rücken. Zwischen den roten Feuerwehrautos ratterten die Lastwagen, vollbeladen mit Polizei, fuhren durch die Straße ohne Sonne und versperrten die Ein - und Ausgänge der Straße. Die "verdächtigen" Männer wurden in Massen verhaftet und auf die Autos geladen.
Ein Streikender, der einen Säugling unter dem Mantel trug, stieg auf das Auto.
" Solche Dummheit, gib das Kind der Frau", schimpfte ein Polizist den vierzigjährigen, etwas beschränkten Mann wütend an. "Ja, meine Frau ist auf Arbeit, bei uns ist niemand zu Hause", antwortete er bescheiden und streichelte sanft den Kopf des Kindes. "Dann gib es zu einer Nachbarin."
Ein alter Nattohändler (Anm.: Gericht von gegorenen Bohnen, das die Arbeiter fertiggekocht kaufen.) der zu Hause seine Ware vorbereitet hatte, und gerade fortgehen wollte, um auf den Handel zu gehen, wurde mit seinem ganzen Kram verhaftet.
Aber das geheimnisvolle Feuer wurde bald gelöscht und ging vorbei wie ein Possenspiel.
Die Fabrik behielt ihr nüchternes Aussehen, als sei nichts passiert. Nur die Betonmauern waren ein wenig geschwärzt und das Dach vom Lagerhaus teilweise verbrannt. Fünf oder sechs Baracken hinter der Fabrik, von denen das geheimnisvolle Feuer ausgegangen war, waren ganz abgebrannt, aus den Ruinen stieg noch weißer Dampf und der Brandgeruch von Wolle und Leder.
Aber die Verhaftung der "verdächtigen" Männer ging weiter. Nach einem lange vorher festgelegten Plan wurden alle aktiven Streiker, mit Ausnahme der Frauen, wie Reissäcke auf die Lastwagen geworfen. "Der muß ins Präsidium!" schrie ein Polizist, der mit Kreide auf den Rücken bestimmter Leute Zeichen machte. Die sogenannten Brandstiftungsverdächtigen waren in diesem Fall nur eine Ware, und Hagimura war eine verhältnismäßig wichtige Ware, die mit Kreide auf dem Rücken gezeichnet wurde.
Am selben Tage berichteten die Morgenzeitungen, Fräulein Etsuko, die siebenjährige Enkelin Okawas, sei um elf Uhr vergangener Nacht plötzlich verstorben.
Dieses kluge und hübsche Kind war das liebste, was Okawa besaß. Es war sein einziger Schatz, das schönste Licht in seinem Privatleben, das sonst nicht sehr glücklich war. Sein Stolz und seine Hartnäckigkeit, die ganze Welt zu beherrschen, verschwanden vor diesem Schatz. Mit ihr zusammen wurde er zu einem durchschnittlich schwachen, guten Großpapa.
Der Arzt stellte als Todesursache eine starke Vergiftung fest. Das Kindermädchen und die Diener waren ratlos, aber die Hausmeisterin sagte aus, daß niemand der "Prinzessin" eine solche gefährliche Speise, die zu einer Vergiftung führen konnte, gegeben hätte. Ungefähr um sieben Uhr, nach dem Abendessen begann die Prinzessin über Schmerzen zu klagen, um elf Uhr war sie nach großen Qualen gestorben. Der junge Professor der Medizin bestand hartnäckig auf seinem Verdacht, den er mit seiner streng wissenschaftlichen Untersuchung begründete.
Okawa, der in diesem Augenblick den kostbarsten Edelstein seines Besitzes verlor, ertrug diesen Verlust trotz aller Hartnäckigkeit nicht, er schloß sich in sein Zimmer ein und zeigte sich niemandem. Der Arzt verhörte alle Hausbewohner, er hatte in dem Erbrochenen des Mädchens Arsenik gefunden und erkundigte sich, ob solches Gift irgendwo im Hause sei. Dann fragte er weiter, ob jemand Fremdes ihr das Gift gegeben haben könnte.
Aber das war in diesem Hause, das streng bewacht wurde, unmöglich. Der Arzt sagte zu den Eltern des Kindes, deren Augen vom vielen Weinen geschwollen waren:
" Wenn jemand Fremdes mit bestimmter Absicht das Kind vergiftet hat, kann ich vom Standpunkt der gerichtlichen Medizin die Sache nicht so auf sich beruhen lassen. Wenn sie erlauben, möchte ich die Leiche obduzieren. " Der gewissenhafte Arzt hatte einen Verdacht wegen der Todesursache.
" Dummheit, wird sie durch eine Obduktion wieder lebendig -?" schrie Okawa seinen Sohn und seine Schwiegertochter an, die ihn um Rat fragten.
" Sie ist an einer Krankheit gestorben, das muß genügen", sagte er hart und wandte sich um.
Als die beiden die Tür zu seinem Arbeitszimmer hinter sich geschlossen hatten, stand er auf und ging in den Wintergarten in der zweiten Etage. In diesem Wintergarten, nach Süden gelegen, blühten Hunderte von Blumen wie im Frühling; er setzte sich in einen Rohrsessel und starrte hinaus..... Er hatte gesiegt, er sollte siegen. Seine kräftige Energie ließ ihn noch nicht alt werden. Sein starker Arm, der ihn auf dem Strom der Zeit vom kleinen Händlertum bis zur Blüte des modernen Kapitalismus gerudert hatte, sollte noch nicht schwach werden. Er selbst hatte nie viel von sich reden gemacht, wie die Unternehmer mit den grünen Schnauzen von heute, aber er trug in sich das klare und sichere Bewußtsein, Mitglied der herrschenden Klasse zu sein. Er trug auf seinen Schultern nicht nur seine eigenen Lasten, sondern die der ganzen herrschenden Klasse.
Er hatte die Macht der Arbeiter nie gering geachtet wie die andern; mit seinem klaren und weitschauenden Kopf hatte er sie richtig eingeschätzt, aber darüber hinaus hatte er sich nie von ihrem großen Schatten beirren lassen. Er hielt seinen kurz geschorenen Kopf geradeaus auf den Feind gerichtet und kämpfte mit den linken roten "Strolchen" ganz Japans. Er hatte anfangs geglaubt, daß sie seine Geschäfte nicht stören würden, doch er mußte bald einsehen, daß diese Rechnung falsch war. Die Arbeiter richteten die Spitzen ihrer Speere immer drohender gegen ihn. Sie wollten die Grenze, die ihnen als Arbeiter gezogen war, übertreten; sie waren nicht Aale, sie waren Schlangen.
Während dieses Streiks besuchte ihn eines Tages Herr Bunji Suzuki, der Vorsitzende des Sodome (Alljapanischer Gewerkschaftsbund), den er früher einmal kennengelernt hatte. Der wollte sein Einverständnis einholen, um die rechten Elemente der Streikenden zu organisieren und auf diese Weise die Versöhnung der Unternehmer und Arbeiter zu erreichen. Okawa antwortete diesem berühmten dicken Gentlemen mit einem einzigen Satz:
" Meine Arbeiter sind keine Aale, denen können sie nichts vorzaubern. " Und so kämpfte er mit diesen Schlangen, die keine Aale waren, und das nicht aus eigennützigen Gründen. Es brauchte ihn nicht zu kümmern, ob eine unter den vierzig Gesellschaften, die er besaß, sich wirtschaftlich rentierte oder nicht - dafür tat es nicht not, auf Leben und Tod zu kämpfen. Daß er trotz aller Angriffe und Vorwürfe, selbst aus seinen eigenen Kreisen, seinen grauen Kopf durchsetzte und in diesem Kampf unbeugsam geradeaus ging, geschah, weil er diese roten Schlangen, die sich riesenhaft vermehrten, die an den Wurzeln der herrschenden Klasse nagten, grundsätzlich vernichten wollte.
Er starrte auf die Haufen der roten Schlangen und wollte keinen Schritt zurückweichen. Ein Schritt rückwärts bedeutete die Niederlage der ganzen Klasse. Alle Kräfte, die ihm zur Verfügung standen, hatte er zusammengefaßt, um diese Schlangen vollständig niederzuschlagen. Die zerschlagenen und zerissenen Schlangen sollten die Lust verlieren, zu kämpfen, sie sollten nur noch kriechen ...
Trotzdem - welch ein Fehler in seiner Rechnung! - durch eine weibliche Schlange, die ihn plötzlich von hinten anfiel, wurde ihm ein Stück Fleisch abgerissen. Die Wunde schmerzte - seine ganze Liebe, Etsuko war ihm genommen.
Ohne die Untersuchung dieses dummen, ehrlichen Professors wäre die Todesursache niemals bekannt geworden. "Wird sie wieder lebendig durch die Obduktion?" "Dummheit!"
Sein großer Mund schrie noch einmal auf; aber was nützte es, die Todesursache noch bekannt zu machen. "Dummheit!"
Mit höhnischem Lachen würde er sie fragen: Glaubt ihr, die Arbeiter werden sich fürchten, wenn die Todesursache bekannt wird und eine von den Schlangen vernichtet wird?
" Um diese Schlangen zu vernichten, gibt es noch andere Methoden!" Man darf ihnen seine schwachen Seiten nicht zeigen. Ein Tiger wird wegen einer Wunde nicht zurückweichen....
Sein Blick kehrte aus dem Leeren zurück; er sah durch die Glasfenster auf das Tor seines Hauses und schloß nachdenklich die Augen: er erinnerte sich daran, wie seine Enkelin gestern um fünf Uhr vor diesem Tor mit ihrem Ball spielte.
Als er als Teil seines Tagespensums gestern hier im Wintergarten seine Pflanzen begossen hatte, hatte er plötzlich gesehen, wie da unten vor der Tür ein zwanzigjähriges, schlecht gekleidetes Mädchen Etsuko streichelte - Etsuko lachte fröhlich - -
Er hatte gedacht, es sei ein Mädchen aus der Nachbarschaft. "Sie war es!"
Er kreuzte die Arme über die Brust und schloß wieder die Augen. "Großpapa" - die Stimme war in seinen Ohren, wie auf einer Grammophonplatte.
Die Ruhe des warmen Wintergartens hatte ihn getröstet; er fühlte es heiß unter den Augenlidern werden. "Dummheit, kommt sie davon wieder?"
Er hob den grauen Kopf und stand auf.

 

IV. Wir schützen die Fahne

Die Katastrophe näherte sich.
Das geheimnisvolle Feuer hatte den Streikenden den letzten Stich in die Kehle versetzt.
Das System der Streikgruppen hatte überall empfindliche Lücken. Keine Streikgruppe hatte mehr ein Lokal, um sich zu sammeln; wenn sie zu mehreren auf der Straße erschienen, wurden sie auf Grund des "Verbots von Versammlungen unter freiem Himmel" aufgelöst, zerstreut oder verhaftet.
Wäre Hagimura auch nicht in der Polizeizelle eingesperrt worden, seine Stellung zwischen den beiden Richtungen der Streikleitungen hätte ihn weiter gequält. Es gab keinen anderen Weg mehr, als sich auf der Linie von Nakai zu einigen.
Die rechten Elemente, die bis jetzt unter den scharfen Augen der Gruppenzellen nichtsunternehmen konnten, hoben allmählich die Köpfe. Sie erklärten ihr Mißtrauen gegen die Zentralleitung und das Gruppenkomitee, und halfen so, eine niederdrückende Stimmung zu verbreiten. Die Spitzel der Gesellschaft warben jetzt offen für Streikbruch und Verrat, und das Honorar für geheime Mitteilungen von den Plänen und Schwächen der Streikenden wurde immer geringer. Die "Waren", die erst geheim auf Wagen, verdeckt, in die Fabrik geschafft wurden, trugen jetzt Schuhe und Hüte und gingen durch das Haupttor der Fabrik. Die Streikposten wurden zwecklos, einige von ihnen kamen überhaupt nicht wieder. Die Ernährungsabteilungen hatten keinen Reis mehr zum Kochen, die Verkaufsmöglichkeiten der Wanderhandeisabteilung wurden gleich Null. Die Genossenschaft war fast bankrott und in ihrem Laden war nichts mehr zu finden, womit man den Hunger stillen konnte. Der Zentrale der Hyogikai war es wegen der Ausweitung der Front auch nicht mehr möglich, diesen einen Streik weiter zu unterstützen. Der erste Vorsitzende der Streikenden, Takagi, und fast alle Mitglieder der Zentralleitung, Nakai, Hagimura und die andern waren in den Polizeizellen eingesperrt. Das Gruppenleiterkomitee war gleichfalls seines Kerns beraubt, und nur die rechten Elemente blieben. Der Streik war fast schon niedergeschlagen.
Das Gruppenleiterkomitee in seiner augenblicklichen Zusammensetzung erklärte nun auch sein Mißtrauen zur Zentralstreikleitung.
Die Streikgruppenleiter konnten dem Jammern und den Vorwürfen, die sie überschwemmten, nicht mehr standhalten.

Im Büro der Zentralstreikleitung hing die rote Fahne in den Strahlen der Wintersonne; in ihrem roten Tuch barg sie die vielen traurigen und heroischen Erinnerungen des Kampfes. Unter dieser Fahne tagte das Gruppenleiterkomitee. Die Zahl der Gruppenleiter betrug kaum mehr zehn; außer einigen Rechten, die nur auf Grund ihrer langen Tätigkeit in der Fabrik gewählt waren und seit Beginn des Streiks noch nicht einmal verhaftet waren, waren alle andern dritte oder vierte Ersatzleute, die Alten waren verwundet tot oder verhaftet.
Diese Gesichter, um einige rechtsgerichtete Gruppenleiter geschart, waren nun das einzige Organ, das die letzte Entscheidung über diesen großen Streik der Tokio und ganz Japan erschüttert hatte, fällen sollte. Ihre "glänzende Sitzung" wurde mit Jammern begonnen. Sie beharrten in ihren alten Träumen, suchten nach den persönlichen Fehlern der Zentralstreikleiter und formulierten ihre unsicheren Vorwürfe daraus.
1. Die Gesellschaft wird einen Teil der Streikenden wieder einstellen, nach Auflösung der Streikorganisation.
2. Die Streikenden sollen die von der Gesellschaft vorgeschriebenen Entlassungsgelder anerkennen.
3. Die Gesellschaft wird außer den Entlassungsgeldern den Streikenden 20 000 Yen übergeben.
Wer hatte sich die Möglichkeit einer solch elenden Niederlage vorgestellt! Aber das Gruppenleiterkomitee hatte gerade im Augenblick der Entscheidung alles Mark aus den Knochen verloren. Da war nur eine dünne Schnur, die der donnernd stürzende riesige Baum zufällig erst im letzten Augenblick zerriß.
" Wollen wir eine Versammlung aller Streikenden einberufen und die entscheiden lassen", schlug ein Gruppenleiter vor. "Wir wollen lieber jetzt keine Beschlüsse fassen, sondern erst alle fragen." Dieser Vorschlag ließ in der trostlosen Stimmung der Versammelten, die alle Haltung verloren hatten, ein kleines Hoffnungslicht aufgehen. Unruhig glitten die neuen Köpfe hin und her, wie Tropfen von Quecksilber. "Aber wer macht den Bericht?"
Wieder waren sie unentschlossen, weil sie ahnten, daß eine allgemeine Versammlung nicht so ruhig ablaufen würde. Sie wagten nicht, sich dem Wirbel der Vorwürfe und des Geschreis entgegenzustellen, dazu brauchte man nämlich einen festen Standpunkt, ein Auge, das die ganze Sache übersah.
" Das geht nicht, daß das Komitee in diesem Fall zu keinem Beschluß kommt, das ist wie ein Schiff ohne Steuer. "
Aber sie waren auch wirklich keine guten Steuerleute; von den Wogen geschüttelt, klammerten sie sich an das Ruder, um sich nur festzuhalten.
Da hörten sie unten lärmende Stimmen, ein paar Leute kamen die Treppe herauf. Fünf oder sechs aufgeregte Köpfe schrien durcheinander:
" Ihr dummen Biester, wir machen nicht mehr mit, wir machen den Streik nicht mehr länger mit!"
" Zum Teufel, ihr Hunde, ihr habt uns belogen! Die Kerle von der Zentralleitung haben sich verhaften lassen, weil sie Angst hatten, vor uns hinzutreten!"
" Was heißt schon 'Leiter', ihr Ochsen!"
Sie brüllten aus vollen Lungen, einigen kamen die Tränen vor Empörung. Die Gruppenleiter schwiegen verlegen, darauf waren sie nicht gefaßt. "Wenn wir mit solchen Bedingungen einverstanden sind, dann haben wir von Anfang an die Augen zu gehabt. - Räuberbande ihr!" Die Gruppenleiter erschraken; woher hatten diese Leute die Versöhnungs-bedingungen in Erfahrung gebracht, die doch ganz geheim gehalten waren? "Was denn, warum regt ihr euch so auf?"
Kindo, der älteste Gruppenleiter, in schwarzem Arbeitskittel, wollte aufstehen; da sprang einer der Streikenden auf ihn zu, packte ihn am Kragen und schüttelte ihn: "Stell dich doch nicht so blöd an, Kerl!"
Der schmutzige, etwa vierzigjährige Mann, der ihn hielt, bespritzte ihn vor Aufregung beim Sprechen mit Speichel.
" Die Versöhnungsbedingungen kennen wir schon, wissen wir schon -denkt ihr vielleicht, daß wir damit einverstanden sind?" Die andern umringten die Gruppenleiter, und so wurde die Sitzung gesprengt. Unten sammelten sich unterdessen die Streikenden aus all den Gruppen, die kein Lokal mehr hatten. Das Ungewisse Jahresende vor sich, hatten fast alle traurige Gesichter, in denen unruhige Augen verbluten wollten. Sie konnten schon tapfer sein, jetzt aber waren sie so abgekämpft, daß der geringste Widerspruch sie krankhaft erregte. "Hallo, ich habe etwas ganz Unglaubliches gehört!" trat ein Bemützter zu einer Gruppe von etwa fünfzehn Mann und zeigte den Inhalt der Versöhnungsbedingungen .
" Und das Gruppenleiterkomitee hat sich mit den Bedingungen einverstanden erklärt!" Alle Umstehenden wurden blaß.
" Hört mal", flüsterte die Mütze mit funkelnden Augen, "die Leute von der Zentralleitung haben sich mit Absicht verhaften lassen, weil sie nicht mehr weiter wußten. "
Am Winterhimmel hingen tiefe Wolken, und ein Hagelschauer war im Anzug. Die blassen Gesichter wurden müde und kraftlos und sahen in ihrer Empörung seltsam verstört aus.
" Vorsicht, Vorsicht, der Kerl ist sehr verdächtig!" schrie ein junger Mann in Matrosenhose, dem an dem Mann plötzlich etwas aufgefallen war.
" Das sind doch nur Gerüchte, solche Parolen haben wir schon genug gehört!"
Der das rief, war Hisachita, der Lehrling.
Er hatte schon vorher den verdächtigen Kerl gesehen; das war bestimmt Takayama, aus der Zeitungsabteilung, er erkannte ihn, trotzdem er über dem Kimono einen Havelock trug und ganz anders als sonst aussah. Dieser Bursche stieß stets im gefährlichsten Moment zu ihnen, aber wenn es wirklich gefährlich wurde, hatte er sich immer aus dem Staube gemacht. Hisachita hatte nie davon gehört - und er hatte ein verdammt gutes Gedächtnis - daß Takayama auch nur einmal verhaftet war. Hisachita schlängelte sich flink durch die Menge, um sich den Burschen zu greifen, aber der war schon verschwunden. "Wer sich noch in dieser Woche meldet, wird von der Gesellschaft wieder eingestellt, mit Ausnahme der schon Entlassenen..." Auch solche Gerüchte kamen zu den Jammernden geflogen. Die Leute hatten gar keine Lust, auf die Worte Hisachitas, des Kükens zu hören. "Geh zu den Gruppenleitern, wir werden sie fragen, dann wird alles klar."
" Fragt das Gruppenkomitee - -."
Sie hatten gar nicht die Energie mehr, selbst zu untersuchen, woher solche Gründe stammten.
In diesem Durcheinander waren die Gruppenleiter nicht nur nicht imstande, diese Gerüchte als solche zu entlarven, sie bewiesen auch ihre totale Unfähigkeit, das Steuer des gestrandeten Schiffes auf den richtigen Kurs zu bringen.
" Teufel, ihr habt uns belogen, ihr Gauner, was seid ihr für Leiter, ihr seid eine schöne Räuberbande!" "Wir machen den Quatsch nicht mehr mit!"
Sie tobten und schrien und ließen ihrer hoffnungslosen Wut freien Lauf. Dunkel hing die Fahne an der Wand.

Die letzte Generalversammlung der Streikenden wurde eröffnet. Es war Vormittag, die Hagelkörner wurden schräg vom Wind gepeitscht und die Kälte fraß in den mageren Knochen. In der Tempelhalle Densu-in sammelten sich die todwunden Streiker von allen Fronten.
An einer Seite der halbdunklen Tempelhalle stand ein einfacher Tisch, dahinter leuchtete die rote Fahne und zu beiden Seiten die vielen roten Fahnen der Abteilungen.
Die Halle war von uniformierten Polizisten mit heruntergelegtem Sturmriemen bewacht. Unter der Oberfläche des Raumes, wie in einer düsteren Meerenge, strömten wirbelnd die Stimmungen der verschiedenen Richtungen. Man suchte Gelegenheit zu einem Zusammenstoß. Nach fünf, nach zehn Minuten wurde die Spannung zwischen den Strömungen dichter und unversöhnlicher.
Die ermüdeten Elemente, die nachdem Wirrwarr der Gruppenleitersitzung immer mehr verzweifelt waren, wurden durch ihr gemeinsames Mißtrauen gegen die Zentralleitung zusammengeschlossen: sie verlangten den sofortigen Abbruch des Streiks. Die ganze rechte Seite der Halle einnehmend schrien sie ununterbrochen: "Los, fangt an!"
" Wo ist die Zentralleitung, kommt endlich raus!"
Hinten, auf der linken Seite, sammelten sich die Jungen, die auf allen Seiten der Front noch geblieben waren. Zorn und Trotz brüllte aus ihren Mäulern, sie schüttelten die Köpfe über die Verspätung und sahen wütend auf den leeren Vorstandstisch.
Sie waren geschlossen gegen jede Versöhnung. Sie hatten Angst, daß das unfähige Gruppenleiterkomitee, von den Rechten bedroht, diesem Versöhnungsplan zustimmen würde.
Sie waren in der Minderheit. Die ermüdeten Streiker schienen sich gegen die Verführung der Rechten nicht mehr wehren zu können. Die Jungen ließen geschickt kleine Zettel von Hand zu Hand durch die Reihen gehen, auf denen stand: "Gegen jede Versöhnung!" "Mut!"
Aber die vielen, vielen stumpfen Gesichter in der Halle - - diese verzweifelten, resignierten Gesichter machten noch nicht das erste Tausend voll. Die dreitausend Genossen, in den letzten zwei Jahren von der Gewerkschaft geschult und diszipliniert, waren schon zusammengebrochen. Ein Drittel von ihnen boykottierte sogar diese letzte wichtige Versammlung. Von den zuverlässigen führenden tapferen Genossen war niemand zu sehen - sie saßen alle im Gefängnis. "Gegen jede Versöhnung!"
" Organisiert die Befreiung der Zentralleitung!"
Diese Minderheit der jungen Leute wußte, was sie zu tun hatte. Jetzt war dem Gruppenleiterkomitee nicht mehr zu trauen. Die Frauen, die hinten auf der rechten Seite saßen, schwenkten zu den Jungen ein, jetzt, am Abgrund, bewiesen sie eine wunderbare Zähigkeit. "Heraus aus dieser Versammlung, wenn unserer Meinung nicht zugestimmt wird!" schrien Fusa-tjan und Ogin-tjan, wild ihre Köpfe schüttelnd, und standen auf.
Auch unter den Jungen erhoben sich einige und schrien: "Fort mit diesen schamlosen Versöhnungsbedingungen!" In der Halle wurde es lebendig. Von der Seite der Rechten spritzte hohes und verächtliches Lachen auf. Die Frauen erhoben sich empört, um auf diese Provokation zu antworten; bald stimmte einer das Lied von der roten Fahne an, die Polizei schritt ein und verhaftete einige, aber das Lied hörte nicht auf.
Längst war die Eröffnungszeit der Tagung überschritten und noch zeigte sich niemand am Vorstandstisch. Wegen der unversöhnlichen Gegensätze der beiden Richtungen konnte die Vorkonferenz der Gruppenleiter zu keinem Abschluß kommen. "Los, fangt schon an!" Der Lärm im Saal wurde immer größer.
Da sprang ein junger Mann, der seine alte dreckige Mütze in den Nacken geschoben hatte, auf den Vorstandstisch. Von rechts klatschte man.
" Kollegen!"
Mit geröteten Backen schrie der Junge aus voller Lunge. "Wir haben heute drei volle Monate bis aufs Blut gekämpft-." Er keuchte nach jedem Satz wie ein Fisch auf dem Trocknen. "Viele von uns werden im Kerker gequält, viele sind gestorben, viele sind wahnsinnig geworden - -. "
Kunstlos, nur mit der ganzen gesammelten Kraft seines jungen Körpers schlug der Junge jeden Satz wie mit einem Hammer in die Leute hinein. "Aber - diese Opfer haben wir nicht gebracht - um nun diese schamlosen Versöhnungsbedingungen anzunehmen. "
" Jawohl, richtig!" brüllten die Leute, die seine Worte wie Medizin schluckten. Der Junge war nicht berühmt, nicht einmal sehr bekannt unter ihnen, aber seine breiten Schultern sahen so vertrauenerweckend aus, als würde dieser wichtige Moment, in dem er sprach, von diesen breiten Schultern getragen. Der Junge nahm seine Mütze ab und schwenkte sie in der Luft:
" Jetzt holt der Feind zum Todesstreich gegen uns aus - wir müssen ihm das Schwert aus der Faust schlagen oder darunter sterben!" Die Rechten hüllten sich in vorsichtiges Schweigen. Der Junge gab ihrer Stimmung nur neue Nahrung.
" Wir müssen diese Bedingungen ausschlagen, ablehnen und weiterkämpfen!"
Die Linken empfingen den Jungen, als er vom Tisch zurückkam, mit begeistertem Beifall. Aber unter den Rechten flüsterte man sich vorsichtig zu, einer von ihnen stand auf und rief:
" Sofortige Abstimmung über Fortsetzung des Streiks oder Annahme der Bedingungen!"
Am Vorstandstisch erschien jetzt Kindo mit gleichgültigem Gesicht als Vertreter des Gruppenleiterkomitees. Die Stimmung im Saal machte ihn verlegen, er wollte etwas sagen. "Sofort den Beschluß des Komitees!" Die Linken standen auf und rückten näher. Die Rechten drohten mit Abstimmung. Die beiden Richtungen rotteten sich am Vorstandstisch zusammen.
" Das Gruppenleiterkomitee - hat unter Tränen beschlossen - daß wir mit der Annahme der Bedingungen diesen Streik abbrechen - -." Kaum hatte er das gesagt, sprangen die Jungen auf die Tribüne, stießen ihn herunter, unter den Frauen stiegen die hohen schrillen Stimmen hoch - der ganze Saal kochte. "Heraus aus diesem Dreck!" "Heraus aus diesem Saal!" "Die Fahne gehört uns!"
Die Jungen ergriffen die rote Fahne, Leute von den Rechten wollten sie ihnen entreißen. Man rang um die Fahne und ihre Hülle wurde zerrissen.
" Nehmt die Fahne!"
Der Junge, der vorher gesprochen hatte, sprang von der Tribüne herab in den Menschenblock, der um die Fahne rang, er stieß Freund und Feind beiseite, nahm die Fahne und rannte mit ihr aus der Halle. "Heraus! Heraus!"
Die Jungen und Frauen folgten ihm. Draußen stand der Junge, die Fahne im Arm, und schrie: "Schützt die rote Fahne!" "Die rote Fahne!"

 

 


Дата добавления: 2018-02-15; просмотров: 186; ЗАКАЗАТЬ РАБОТУ