I. Die Schlichtung wird erzwungen 7 страница



 

II. Essenausgabe

Durch das westliche Tor der Fabrik, das durch uniformierte Polizei und Fabrikbeamte bewacht war, fuhr furchtlos der Lastkraftwagen mit den Aufschriften der Kantongenossenschaft. Wie ein betrunkener Postwagen schwankte dieses Vehikel. Das Lager der Genossenschaft der Streikenden, Kotshikawa-Kyodosha, befand sich in einem Gebäude innerhalb des Fabrikterrains, fünfzig Meter vom Büro der Gesellschaft neben dem Fabriklager. Hier wehten die Fahnen mit den drei roten Streifen und dem P. und die roten Fahnen mit dem Stern C.O., hier kämpften die Gewerkschaften schon über 60 Tage. "Zum Teufel, sie bringen wieder so viel Reis. " Der lange Mann im schwarzen europäischen Zivilanzug murmelte es zwischen den Zähnen, dem Lastwagen nachsehend. Er trat gerade aus dem Verschlag der Werkpolizei. Es war ein früherer Polizeileutnant, der jetzt zum Personalchef der Gesellschaft aufgerückt war, weil er die Leute der Druckereigewerkschaft so gut kannte. "Das geht so nicht weiter. "
Er schüttelte den Kopf und ging mit breiten Schritten in das Büro der Fabrik.
" Diese Legalität macht die Burschen so frech - was heißt vom Tokio-Provinzialamt anerkannte Genossenschaft?" Er wußte Bescheid, wie die Legalität ausgenutzt werden kann. Die Tür der Genossenschaft wurde geöffnet, zehn Arbeiter kamen und umstellten als Schutz den Wagen; alle hatten eiserne Stangen unter den Arm geklemmt, und mit gewohnter Fertigkeit gingen die Säcke von Mann zu Mann. Komm - hoi, komm - hoi!
Aber im Hause selbst sah es aus wie bei einem über Nacht ausgezogenen Schieber - die Reislager und die Holzkohlenlager waren kahl und leer. Man konnte die Rattenlöcher sehen, durch die der kalte Wind hereinblies. Das während der sechzigtägigen Kämpfe mit dem Blut der Streikenden aufgebrachte Gewerkschaftsgut war bis auf das letzte Reiskorn verzehrt, bis auf die letzte Holzkohle verbrannt. Besonders bitter machte sich bemerkbar, daß die Engroslieferfirmen, die sie sonst außer der Genossenschaften auch noch belieferten, ihre Lieferungen nach der Verschärfung des Streiks eingestellt hatten. Natürlich hatte die Gesellschaft bei den Engrosfirmen interveniert. Man hatte schon vorher an derartiges gedacht, aber die jetzige Maßnahme war doch zu unverschämt. "Deshalb", sagte der vollbärtige Hirovka, der Angestellte der Genossenschaft, nachdem sie alle Reissäcke abgeladen hatten, während er die Finger seiner Militärhandschuhe abzog, "deshalb müssen wir vor allen Dingen unsere Genossenschaft vergrößern, das ist das Allernotwendigste. Und ich behaupte, eine proletarische Genossenschaft darf nur direkt vom Erzeuger kaufen, das ist doch klar und auch eine von den Erfahrungen dieses Streiks".
Dieser fünfzigjährige Mann, hart wie Stein und geduldig wie ein Ochse, war seit 1919 auf Leben und Tod mit der Genossenschaftsbewegung verbunden und hatte bereits mehrere Streiks mitgemacht. Wenn er durch die Polizei verjagt wurde, bebaute er zusammen mit seiner alten Mutter in seiner Heimat die Reisfelder, aber während die Glut der verbotenen Streiks noch weiterschwelte, war er bereits wieder da, kam wieder nach Tokio und trug geduldig seine Reissäcke.
" Wir müssen selber stark genug werden, wir müssen den Genossen der Bauerngewerkschaften die Hände reichen, wir müssen Transportmittel haben, Lokomotiven und Dampfer. In der Stadt müssen wir eine starke Lieferungsorganisation haben und uns alle Lebensmittel selbst produzieren. "
" Hab' verstanden, hab' verstanden. "
Ito, der andere Angestellte der Genossenschaft, hob die Hand und beruhigte ihn. "Wenn du zu reden anfängst, geht die Sonne unter." Die andern kamen hinzu und prusteten vor Lachen. Wirklich übertraf Hirovkas Beharrlichkeit noch die der kleinen Straßenhändler des Waisenhauses (Anm.: Die japanischen Waisenkinder müssen ihren Lebensunterhalt durch Straßenhandel verdienen.).
" Wenn wir dein Geschwätz zu Ende anhören wollten, dann würden die Streiker vor Hunger vertrocknen. "
Trübsinn kannte dieser Mann so wenig wie eine geregelte Tageseinteilung, aber in allen gefährlichen Situationen blieb er der Ruhigste. "Hallo, Genosse Ito und Hirovka!" hörte man die Stimme Hagimuras aus einer Nebenkammer. Er war gestern nacht von einer Gruppenleitersitzung hierher gekommen und hatte in der Kammer geschlafen. Trotz der durch die brüderlich reiche Spende der Genossenschaften ganz Japans heute angekommenen Lebensmittel und trotz der harten Arbeit der Verpflegungsabteilungen war es nicht möglich, wie sonst noch stets, allen Leuten Essen auszuteilen. In dieser Not beschloß die Gruppenleitersitzung, nur denjenigen Familien, die nach Feststellung der Untersuchungskommission am meisten von der Not betroffen waren, Lebensmittel auszuliefern.
Hagimura als Vorsitzender des Gruppenleiterkomitees sammelte alle Zettel vom Untersuchungsausschuß und verglich sie mit der Zahl der Reissäcke.
Aber Hagimuras Standpunkt als Gewerkschaftler konnte leicht mit dem Standpunkt der selbständigen Genossenschaften in Konflikt kommen. Es war notwendig, sich von der alten, falschen Anschauung freizumachen, die die Genossenschaft nur als Proviantabteilung der Gewerkschaften betrachtete.
" Deshalb darf die Kotshikawa Kyodosha als Genossenschaftsverband", beriet Hagimura mit Hirovka und Ito, als sie in seiner Kammer zusammenkamen, "nicht den Wiederaufbau der Genossenschaft vergessen, wir müssen stets und in jedem einzelnen Fall daran denken, ganz gleich, ob wir in diesem Streik unterliegen oder siegen. Von diesem Gesichtspunkt aus... "
Hagimura fragte die beiden um ihre Meinung, nachdem er ihnen den Beschluß der Gruppenleitersitzung mitgeteilt hatte. Hirovka entschied: "Meiner Meinung nach könnte man noch eher die Lieferungen teilweise ganz einstellen, das steht absolut nicht in Widerspruch mit der Idee der Genossenschaft. "
" Genosse Ito!" riefen die Genossen vom Hof. Sie kamen alle mit Lebensmittelkarten.
" Tja, tja, das ist wahr, alle sind in einer schlechten Lage, wen soll man da aussuchen?" sagte Ito; er konnte es sich nicht vorstellen, daß er all die bekannten Gesichter wieder mit leeren Händen nach Hause schicken sollte.
" Aber wir müssen aushalten, solange wir können." Hagimura sagte das hart und entschieden.
" Es ist schwer, aber wir müssen es den Leuten verständlich machen. "Du hast recht, ich werde mit ihnen reden. "
Hirovka ging hinaus. Ito und Hagimura folgten ihm. Vor dem Hause sammelten sich 30 bis 40 Leute. Familienangehörige der Streikenden. Sie schwenkten die Essenmarken wie Hungerfahnen und drängten und stritten sich.
" Hallo, laßt euer Gerede, wenn ihr sagt, daß wir keine zwei Säcke Reis mehr bekommen. Gebt uns einen Sack Reis und Miso", schrie eine alte Frau, die sich krampfhaft an das Schalterfenster klammerte. Von den Nachdrängenden eingekeilt, begann ein Säugling, der auf dem Rücken einer Frau hockte, zu weinen, als ob er am Spieß steckte. "Ito-tjan", schmeichelten die Frauen, die ihn gut kannten, "bei mir ist alles richtig aufgeschrieben, brauchst nur zu stempeln." "Das geht nicht", sagte der Sekretär schroff, er wurde noch ärgerlicher, schalt sich selber, daß er die Genossen fortjagen mußte. "Du hast deinen Teil schon vor fünf Tagen bekommen, mach, daß du fortkommst."
" Denkst du", sprang die Frau von Itos Freund Kiko vor, "wir sind doch selbstverständlich nicht hierher gekommen, weil wir schon vor vier Tagen Reis bekommen haben. Wir sind keine Tauben, wir essen nicht nur einzelne Körner, du Kürbis!"
Jetzt trat Hirovka heraus und stieg auf einen Stuhl, den er mitgebracht hatte.
" Genossen, hört mal her, was ich jetzt sage. Ihr alle wißt, es sind nur hundert Sack Reis und je zwei Faß Miso und Shoju angekommen." Die Leute schwiegen, neugierig, was der allbekannte Vollbart sagen würde. Hagimura ließ die Genossen darauf achten, ob keine Spitzel unter ihren Leuten seien. Er hielt es nicht für richtig, daß solche Auseinandersetzungen von den Spitzeln belauscht würden, wenn es sich auch kaum vermeiden ließ.
" Aber das ist nicht genug, um euch alle satt zu machen wie sonst immer, versteht ihr! Und wir können auch nicht gleich wieder zwei oder drei Lastwagen voll hierher schleppen, weil unsere Gewerkschaft so arm geworden ist."
Hagimura ging, als er Hirovkas freimütige Darstellung der Lage hörte, ein kalter Schauer über den Rücken, wie gebannt starrte er in die Gesichter der Versammelten.
" Deshalb haben wir beschlossen, daß wir zuerst an die, die am meisten Not leiden, austeilen. Die Gruppenleiter - ihr wißt, wer das ist -haben festgestellt, wer es am nötigsten hat. Meldet euch also bei den Gruppenleitern, und die die nichts mehr aufs Leihhaus zu tragen haben, bekommen dann zuerst. "
Hagimura und allen andern ging es durch alle Glieder, wie sich jetzt eine dunkle Welle über alle diese Gesichter legte, wie Wolken vor die Sonne.
" Hallo, Meister, dann kriegen wir also heute keinen Reis?" Als ein alter Mann so unvermittelt und ein wenig komisch losbrach, begannen alle Weiber und Kinder durcheinanderzureden. "Gib doch wenigstens heute noch. " "Vom nächsten Mal wollen wir es so machen. "
" Gib doch ein wenig zu essen, mit hungrigem Bauch kann man nicht in den Krieg ziehen. "
Die Leute bedrängten Hirovka, der erstarrt dastand, als wolle er sie alle umfassen, aber dieses Bronzestandbild des Karrenschleppers war nicht so leicht umzuwerfen. Ohne die Augenbrauen zu bewegen, sagte er mit einem Gesicht wie eine Maske, nachdem die Leute etwas ruhiger geworden waren:
" Jetzt hat eben einer gesagt, mit leerem Bauch kann man nicht in den Krieg ziehen. Leute, unser Krieg ist kein Krieg, den man mit vollem Bauch führen kann. Das ist ein Krieg, den man mit leerem Magen und Steinen im Bauch - führen - muß!"
Die Frauen starrten auf den harten Mann, wie auf einen Felsen. "Versteht ihr - trotzdem ich das sagen muß - eure Kanto-Gesellschaft wird euch nicht aushungern lassen. Deshalb dürft ihr nicht bei uns betteln und nicht schimpfen. Wir müssen alle aushalten, solange wir können. Um uns zu helfen, haben alle Mitglieder der 20 Genossenschaften des japanischen Genossenschaftsverbandes 'Tage ohne Reis' eingeführt. Wißt ihr. was das heißt: 'Tage ohne Reis'? Das heißt, sie essen nur Hafer statt Reis."
Hagimura und Ito schluckten trocken. Die Frauen ließen ihre erhobenen Hände und Schultern fallen. Die Frauen, die in der ersten Reihe standen gingen hinter die Menge zurück; das Kind, dem die Milch fehlte, wimmerte auf dem Rücken der Mutter.
Trotzdem haben wir Arbeiter in der Stadt es noch leichter als die Pächter auf den Dörfern, die das ganze Jahr nur Kastanien und Hafer essen. Aber deshalb kämpfen die Pächter doch tapfer. Versteht ihr! Ihr müßt euch deshalb auch an diesem 'Tag ohne Reis' beteiligen. Macht die Misosuppe dünner - eßt die Quetschreste von den Bohnen als Gemüse, bis wir in diesem Streik gesiegt haben." Die Frauen sahen nach unten, dann hob Hirovka seine Hand über sie hin.
" Habt ihr verstanden, Genossen, wenn es nicht mehr geht dann kommt zu den Gruppenleitern - wir werden euch bestimmt Reis schaffen, solange wir noch am Leben sind - Geduld, Geduld und Mut, ohne das könnt ihr nicht siegen."
Tief beugten sich die Köpfe - jetzt ging eine von den alten Frauen fort, dann zwei - mit gesenkten Köpfen - sie konnten so nicht sehen, daß über das harte, bärtige Gesicht die Tränen wie schwere Körner rollten.

 

III. Giftgas

Die Frauen, vom Lager der Genossenschaft verscheucht, kehrten heftig diskutierend in ihre Baracken zurück. Auf ihre knochigen Backen stand der Ärger, der keine wirklichen Gegenstand mehr hatte. Sie waren wie Hennen, denen man die Eier fortgenommen hat. "Wollen wir den Portier der Gesellschaft anbrüllen wie Kühe, die nur trockenen Hafer gefressen haben", schrie Kikos Frau laut am Eingang ihrer Wohnung.
Fünf oder sechs Frauen an der Ecke der Gasse erwiderten ihr: "Anbrüllen ist noch zu wenig, du Dumme - - -"
Wirklich sahen sie aus, als ob sie nicht nur brüllen, sondern auch beißen könnten. Sie hatten nichts mehr ins Leihhaus zu tragen. Gerade als Kikos Frau, die die zehnjährige Arbeit in der Fabrik unfähig gemacht hatte, Kinder zu gebären, aus ihrer breiten Brust ein scharfes Wort hervorstoßen wollte, kam eine alte Frau, die Großmutter von Matsudaro, ihren Enkel auf dem Rücken, mit dem watschelnden Gang einer vom Hund gejagten Henne zu dem gemeinsamen Brunnen und begann über das Elend zu jammern:
" Was nützt denn alles, wenn wir trotzdem den Streik verlieren, nachdem wir so erbärmlich gelebt haben mit Bohnenmus und Kastanien?" So jammerte die Alte, wie sie das ganze Jahr jammerte: Das Giftgas der siebenten Baracke.
Eigentlich war allen zum Jammern, aber die Rede des bärtigen Hirovka hielt sie alle noch im Bann. Kikos Frau hatte die Essenmarke der Genossenschaft ins Haus geworfen und kam zu der Frau, schob die Alte beiseite und sagte, Hirovka nachahmend, ihre bei den leeren Hände ausbreitend:
" Man muß Geduld haben, versteht ihr, wir müssen uns gedulden, bis der Streik mit einem Sieg beendet ist. "
Sie wollte scherzen, aber während sie sprach, wurde ihr Gesicht ganz ernst. Und auch die anderen Frauen hatten nicht gelacht. "Na, nur keine Angst, es wird schon so gehen", sagte die Frau von Gentjan, die auch einen Säugling auf dem Arm hatte. "Man sagt, der Reis geht immer mit der Sonne, deshalb wird es auch besser werden."
Die alte Großmutter Matjan schob ihren Kopf hoch und warf ein: "Aber die Sonne zeigt in diesen Baracken nie ihr Gesicht. Ach, guck doch mal - sie sieht immer woanders hin."
Am Mittag hatte sich der Wind gelegt, und die Sonne schien jetzt mit matten Strahlen auf den ruhenden Haksuanwald. Aber hier unten, bei den Baracken, stand es wie graue Wolken und wie die stumpfen Augen der toten Hexen, und an der Wasserleitung waren unzählige Kinderwindein aufgereiht, an denen Eiszapfen hingen.
" Wie kalt", sagte Gentjans Frau und klopfte mechanisch das Kind auf ihrem Rücken, das noch gar nicht weinte, aber in ihre Wohnung wollte sie auch nicht gehen. "Wollen wir ein Feuer anmachen - Feuer! -Feuer!"
Frau Kiko schleppte alte Latten von der Brücke und Faßreifen, legte alles auf einen Haufen und steckte ihn an. Dann stand sie mit dem Rücken zum Feuer, sie schlug ihre Kleider hoch, um die Wärme schneller zu spüren, man sah ihren roten Unterrock.
" Schadet nichts, wenn die Sonne nach der anderen Seite scheint, werden wir von unten Feuer machen und braten wie an der Sonne." "Gut, gut, wenn man einmal die gebratene Sonne ißt, bekommt man im ganzen Leben keinen Hunger mehr. "
Diesmal fingen alle zu lachen an. Auf der Erde taute der Rauhreif und zerfloß. Die Funken der Bambusreifen flogen in das schwarze Wasser des Grabens und zerzischten. "Donnerwetter!"
Die Frauen sahen etwas Komisches.
" Wer ist denn das?" flüsterte Großmutter Matsudaro zu Frau Kiko, die neben ihr saß. Zwei merkwürdige Damen erschienen plötzlich an der Ecke der Barackenstraße, zwei Damen in japanischer Kleidung und eine dritte in europäischem Kostüm und Pelzmantel, sie war die älteste. Die Frauen an der Wasserleitung machten große Augen. "Das sind wohl Medizinhändlerinnen, sie tragen alle Koffer", flüsterte die Großmutter Frau Kiko zu, aber die schüttelte den Kopf. "Das sind bestimmt keine Arzneihändlerinnen, und auch keine Hebammen, - drei Hebammen auf einem Haufen, das ist unmöglich, und vor allem tragen Hebammen keine so guten Kleider." "Das sind bestimmt teure Kleider", meinte Frau Kiko. "Ja, das ist keine Ware, die oft hierher kommt."
Die Damen riefen höflich in jedes Haus, und wenn niemand antwortete, öffneten sie die schlechtgezimmerte Haustür und sahen hinein. "Nanu, sie hat in mein Haus geguckt!" schrie ganz verlegen die Großmutter Matsudaro. "Bei uns ist niemand zu Hause. "
" Sie bloß nicht so ängstlich, bei dir gibt's doch gar nichts zu stehlen", sagte eine Frau zu ihr.
Die Damen kamen näher, blieben, als sie die Gruppe der Frauen am Feuer fast erreicht hatten, stehen und flüsterten miteinander. Die Frauen am Feuer starrten mit ängstlichen Augen und weit offenen Mündern die Damen an. Dann kamen die drei, die europäisch gekleidete an der Spitze, heran. Frau Kiko hatte eilig ihren Rock heruntergestreift und ihren roten Unterrock bedeckt. "Wenn ich nicht irre, sind Sie die Hausfrauen der Streikenden?" sagte die Europäische schmeichelnd, ihre Handtasche von einer Hand in die andere wechselnd. Sie grub ihr dickes Kinn in tiefe Falten und lächelte.
Die Frauen waren alle verlegen, wie Schüler, die auf der Straße ihren Lehrer treffen. Jetzt grüßten hinter dem Rücken der europäischen auch die zwei schönen Damen die angezogen waren wie Schauspielerinnen. Die Großmutter Matsudaro entschloß sich, nachdem sie die anderen Frauen angesehen hatte, mit dem Kopf zu nicken. "Und wir sind —"
Damit übergab sie der Großmutter mit gewohnter Geste ihre Visitenkarte.
" Wir sind gekommen, um den Familienmitgliedern der Streikenden, besonders den Frauen, zu raten. "
Frau Kiko hatte der Großmutter, die gar nicht lesen konnte, die Karte abgenommen und flüsterte dann der neben ihr stehenden Frau zu: "Die Herrschaften sind Mitglieder des buddhistischen Frauenvereins in Tokio. Die mit dem europäischen Kostüm ist die Vorsitzende." Obwohl Frau Gentjan das gehört hatte, konnte sie noch nicht begreifen. Buddhisten sind doch Pfaffen? Aber diese Frauen sind doch zu schön für Pfaffenfrauen.
" Wir haben ja solch Mitleid mit Ihnen, die durch diesen Streik so sehr leiden müssen, und wir wollten heute mit Ihnen sprechen und Ihnen raten - und dazu sind wir hierher gekommen."
Die Frauen waren erstaunt - war ihr Streik so in der Welt bekannt, daß solche vornehmen Leute sich heimlich um sie sorgten? Die Europäische mit ihrer hohen Nase und einer so weißen Haut, wie ein Fremde, kam zur Großmutter und erklärte:
" Wie Buddha gesagt hat, die Menschen sind alle gleich. Ihre Leiden sind unsere Leiden, ich möchte Ihre ehrliche Meinung hören, und dann werden wir dafür sorgen, daß dieser Streik eine friedliche Lösung findet." Die Frauen wurden immer verlegener, das war ein kitzelndes Gefühl, wie wenn einem der Popo mit einer Feder gestreichelt würde. Eine von den Damen, mit schöner Frisur, nahm aus ihrer Handtasche etwas Schokolade und trat zu Frau Gentjan: "O, was für ein artiger Knabe..."
Sie reichte dem Kind ein Stück Schokolade. Doch der magere Säugling machte nur große Augen und hatte keinen Mut die Hand auszustrecken. Er war unterernährt und deshalb so artig.
Frau Kiko sah die schöne Dame scharf an und dachte - ob diese Füchse uns was vormachen wollen?
Die andere mit der japanischen Frisur hielt dem Mädchen auf dem Rücken der Großmutter Schokolade hin und sagte lockend: "O, mein armes Kind, wie schön, wenn dein Vater nicht mehr streiken würde. Kleines Fräulein, sag deinem Vater, wenn er zurückkommt, hör' mit dem Streik auf, Vater, und geh' mit mir in den Tiergarten -hast du verstanden - oh - du bist ein kluges Kind. " Frau Kiko hatte schon gerochen, wie die Sache stand, sie zog Frau Gentjan am Ärmel und sagte leise zu ihr: "Vorsicht, das sind Füchse."
Die beiden Damen gingen bei den Frauen herum und streuten ihre Verlockungen und ihre Schokolade aus. Unterdessen redete die Vorsitzende mit zärtlicher Stimme weiter:
" Wir haben schon mit allen Frauen aus den andern Häusern gesprochen. Bei jedem Streik sind alle beide Teile schuldig, die Gesellschaft ist ebenso hartnäckig wie Ihre Herren Männer. So was ist natürlich unvermeidlich bei Männern, die ihren eigenen Willen haben - aber kurz und gut, beide Seiten müssen sich bescheiden." "Jetzt kommt's", zog Frau Kiko wieder die andern am Ärmel. "Wir reden doch hier als Frau zu Frauen, ich bitte Sie darum, teilen Sie Ihren werten Gatten unsere Meinung mit, daß sie sich um Ihretwegen und Ihrer lieben Kinder wegen wieder mit der Gesellschaft einigen. Wenn Sie von Ihrer Seite so handeln, wird Ihnen auch die Gesellschaft bestimmt entgegenkommen."
In diesem Augenblick schrie Frau Kiko, die wie auf Kohlen saß, und stampfte mit dem Fuß auf: "Schweig, du Fuchs!"
Sie wurde lebhaft, und wie Arbeiterfrauen, wenn sie aufgeregt sind, immer gut reden können, schrie sie, während sie ihr Gesicht der spitzen Nase der erstaunten Dame näherte:
" Was heißt liebes Kind. - Was heißt Gleichheit der Menschheit! Wenn du wissen willst, was Ungleichheit ist, dann vergleiche deine Kleider und unsere, wenn wir beide gleich sind, dann laß uns unsere Lumpen tauschen."
" Wie die Wilden!" drehte sich die Dame mit der japanischen Frisur um, die von den andern getrennt, sich kaum am Grabenrand halten konnte.
" Wer ist wilder, ihr oder wir? Diese frechen Weiber - Ihr seid hierher gekommen, um uns uneinig zu machen, ihr Füchse, ihr steckt euch hinter die Maske von Buddha, das soll euch nicht glücken, ihr Spitzel der Gesellschaft!"
Auch die anderen Frauen, die von dem Kitzel wieder zu sich gekommen waren, fanden ihren Mut wieder.
" Was, Spitzel der Gesellschaft?" schrie Frau Gentjan laut. "Hallo, kommt mal alle her, hier wollen uns Fabrikspitzel in die Enge treiben!"
Jetzt hatten die drei Damen ihren ganzen Mut verloren. Das Geschrei der Frauen lockte aus allen Kasernen Frauen, Kinder und alte Männer herbei.
" Was für Fabrikspitzel?" "Werft sie in den Graben!"
Die Damen waren in großer Angst über die Holzbrücke geflohen und hatten sich ihre Kleider zerrissen. Frau Kiko hob einen noch brennenden Bambusreifen hoch und schrie ihnen nach: "Kommt vorgestern wieder - ihr Giftgas!"
Aber diese frommen buddhistischen Damen erschienen hartnäckig am nächsten Morgen wieder in dieser Straße ohne Sonne. Diesmal standen sie vor der Tür der Frauenabteilung der Gewerkschaft. "Ich möchte gern die Frauenleiterin sprechen, ist sie anwesend?" fragte die europäisch gekleidete sehr höflich.
Ogin-tjan, die zufällig in der Auskunft saß, las die Visitenkarte, hielt ihren Kopf schief und antwortete:
" Nein, sie ist nicht zu Hause, aber wenn sie auch zu Hause wäre, sie würde nicht mit Ihnen sprechen."
Diese wenig liebenswürdige Antwort war deutlich genug, die Damen sahen sich an, und die eine fragte noch einmal:
" Ich weiß natürlich, daß sie sehr beschäftigt ist, aber nur fünf Minuten Hartnäckig wollten sie sich nicht aus der Tür drängen lassen. Da schrie Ogin-tjan und lies den Staub, der auf dem Tisch lag, auf die Damen:
" Die Frauenleiterin und die Schwestern sind nicht hier. Wenn Sie sie so dringend sehen wollen, dann gehen Sie zum Polizeiamt, sie sind alle schon zwei Tage in Haft und werden dort gequält!"


Дата добавления: 2018-02-15; просмотров: 253; ЗАКАЗАТЬ РАБОТУ