I. Die Schlichtung wird erzwungen 2 страница



 

 

Zwei Lager

Das Fest der Streiker

"Der mit großer Erbitterung geführte Streik der Daido-Druckerei in der Hisakatastraße im Bezirk Kotshikawa hat noch kein Ende gefunden. Seit der Sperrung der Fabrik dauert er bereits über 50 Tage. Aber die 3000 Streikenden halten noch immer fest zusammen. Der Hyogikai, der Rat der revolutionären Gewerkschaften, sammelt in allen angeschlossenen Verbänden Japans Gelder für den Streikfonds. Es scheint, daß die Streikenden trotz der strengen polizeilichen Absperrungen Hilfe aus Osaka und Hokaido erhalten. Die Gesellschaft hat ihr Verhalten geändert. Seit die letzten Verhandlungen gescheitert sind, beabsichtigt die Daido-Druckerei, alle linksstehenden Arbeiter rücksichtslos auszusperren. - Dadurch erleiden die Kleinhändler in der Nähe der Fabrik den größten Schaden. Dieser Streik wird die wirtschaftliche Lage der Straßen gefährden. Deshalb suchen die von den Straßenanwohnern gewählten Vertrauensleute nach einem Ausweg aus dieser Lage." In allen Zeitungen Tokios wurde dieser Artikel gebracht: "Tokio Nichi", "Nichi", "Asahi", "Yomiuri", "Hochi", "Tomai". (Anm.: Die bürgerlichen Zeitungen Tokios) Die Bürger von Tokio hatten mehr zu tun, sie hatten keine Zeit, sich über derartige Artikel, die zwei, drei Tage hintereinander in fetter Schrift vor ihren Augen erschienen, Gedanken zu machen. Wichtigere Ereignisse nahmen ihre Aufmerksamkeit in Anspruch. Wahl zum Parlament! Schwankungen in der Regierungspartei! Plötzlich wie rote Signale aufspringende Zusammenbrüche der Wirtschaft! Und täglich mehr und anderes.
Wenn der gute Bürger von Tokio nicht an chronischer Gedächtnisschwäche leiden würde, konnte er dabei leicht irrsinnig werden. Aber zu seinem Glück vergaß er selbst die größten Ereignisse, die um ihn wirbelten, wie die Tageszeitung in der Straßenbahn. Er arbeitete und schuftete, er lief an diesem schönen Herbstvormittag herum, wie jeden Tag.
Wirklich, es war ein sehr schöner Vormittag.
Vom Tempeltor bis zum Friedhof des Gokoku-Tempels sammelten sich fröhlich lärmend die Streikenden der Daido-Druckerei. Von der ersten bis zur siebenten Gruppe, mit Ausnahme der vielen Gruppen der S-Abteilung, der Vermittlungsgruppe und Fouragegruppe, versammelten sich ungefähr 2700 Arbeiter auf dem freien Platz, um ihren Kampf mit neuem Mut aufzunehmen.

Das gefallene Herbstlaub auf dem Hügel hinter dem Tempel und der Tempelgarten lagen im Rauhreif. "Gen-tjan - willst du nicht mein Partner sein?"
Ein Mädel mit Backen wie ein runder Reiskuchen und Beinen wie dicke Reisweinflaschen, rief einen Arbeiter an, der neben ihr stand und vor Aufregung die Füße nicht ruhig halten konnte.
" Nein, das will ich nicht. Wenn ich so einen dicken Popo tragen soll, werde ich zusammenbrechen, ehe ich ans Ziel gekommen bin." Das war nicht gerade liebenswürdig. "Haha, du dummer Schlappschwanz."
An einem Baum, inmitten des provisorischen Sportplatzes hing ein Zettel: "Blindes Pferderennen. Ausgewählt aus allen Gruppen." Unter der Sonne, die sie nicht oft zu sehen bekamen, leuchteten die blassen Gesichter der Arbeiter und Arbeiterinnen vor Freude. "Die Männer sind mit verbundenen Augen die Pferde, die Frauen sind die stummen Reiter. Habt ihr verstanden? Wir geben für die Sieger drei Preise. Jeder Preis ein Dutzend Handtücher. Habt ihr verstanden!' Die Komiteemitglieder bestimmten jedesmal je drei Paare, die dem Spielleiter zu melden waren.
Einer rief schreiend mit einem Megaphon herum. Die Leute hatten keine Ahnung von Sport. Besonders Stafettenlauf war allen unbekannt. Sie hielten das vielleicht für den Namen einer ausländischen Medizin. Aber "Blindes Pferderennen" kannten alle.
Auf der linken und rechten Seite bildete sich eine etwa 400 Meter lange Menschenmauer. Alle Augen leuchteten heute; die Massen hatten sich mit der Sonne angefreundet. Abgelegte Blusen und Haoris hingen auf den Ästen oder lagen auf den Steinen umher. In weitem Kreis umstanden uniformierte Polizisten und lauernde Zivilbeamte den Platz. Meist wurde ein Liebespaar als Partner zum blinden Pferderennen ausgewählt. Da sah man einen mageren Arbeiter, einer durstigen Frühlingsblume ähnlich, der ein dickes Mädel trug und unter der Last keuchte.
"Achtung! Eins. Zwei. Drei. Los!"
Eine rote Signalfahne schlug herab; sie rannten los, unsicher wie kleine Kinder, die Laufen lernen. Aufgeregt durch die Signale und Zurufe lief das 'Pferd' blind und hilflos in die Menschenmauer, die Reiterin riß vor Schreck ihre Augen weit auf und lenkte das 'Pferd', indem sie heftig an den Ohren ihres Partners zog.
Wenn die Paare zusammenstießen und stürzten, kamen meist gleich zwei Pferde mit ihren Reiterinnen zu Fall. Das Pferd machte sich am Boden staubig, die Reiterin kugelte herunter, daß man ihr rotes Unterzeug sag. Jubel und Heiterkeit, Händeklatschen und Zurufe. Dadurch angespornt fing eine Tapfere ihr blindes Roß, das sie, ohne sich abzustauben, wieder bestieg.
Etwas abseits von den andern stand Hagimura im Schatten des Tempelturms auf dem Hügel. Hagimura war der Verantwortliche der heutigen Veranstaltung. Zwei Genossen riefen ihn an.
Es waren Yamamoto von der Gewerkschaftsleitung und Yshisuka, der zweite Vorsitzende vom Streikkomitee. Sie verlangten, man solle die heutige Versammlung zu einer Demonstration benutzen. "Das ist unmöglich", sagte Hagimura, nachdem er Yshisukas Gestotter angehört hatte. Bei der ungenügenden Schulung der Arbeiter ist das, trotz der guten Gelegenheit, taktisch unklug. Außerdem hätte er keinen Befehl von der Gewerkschaftsleitung, das sei wieder nur so ein ausgefallener Vorschlag. Sein Gesicht drückte offen Mißfallen aus und er sah scharf auf den kleinen Mann, der mit schiefem Gesicht lächelte. "Warum! Weil wir keinen Auftrag von der Gewerkschaftsleitung haben?" fragte Yshisuka. "Wenn die Gelegenheit so gut ist, muß man doch eine Demonstration machen."
Yshisuka wandte sich um und suchte Zustimmung bei Yamamoto, dem er ein Zeichen machte.
Yamamoto lächelte finster und sagte mit einem sonderbaren Ausdruck in den Augen: "Ich habe schon gehört, daß du ängstlicher geworden bist. "
Der Junge in den zwanziger Jahren schlug bei allen Unterredungen immer einen vorlauten, altklugen Ton an. Hagimura betrachtete ihn schweigend. Als er hinter dem Turm Schritte hörte, nahm er eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Die Schritte gingen vorbei.
Hagimura zwang sich, nicht empfindlich zu sein. Seit Yamamoto Berufsrevolutionär geworden war, gab es mit ihm, mit dem er sonst in der Fabrik gut zusammengearbeitet hatte, immer gefühlsmäßige Differenzen, wenn nicht über Theoretisches geredet wurde. ' Dann wollen wir also die Leiter der Gruppen versammeln und ihre Meinung hören", sagte Yshisuka. Yamamoto lächelte immer noch. So ein Beschluß, ohne die Organisation zu fragen, ist wirklich unmöglich, dachte Hagimura.
" Ausgeschlossen", sagte er. "Ich bin absolut dagegen. Ich trage die Verantwortung der obersten Leitung gegenüber. Und außerdem gefällt mir eure hinterlistige Taktik nicht." Er sagte das schneidend und
wandte sich ab.
" Mach dich nicht groß, du Bonze", zischte Yshisuka, seine Gesichtsfarbe hatte sich verändert. "Was?"
Er drehte sich zu ihm. "Hör auf damit!" Yamamoto faßte Hagimura am rechten Arm und wollte ihn beruhigen,
aber der schüttelte die Hand ab und ging fort.
" Feigling", schrie Yshisuka hinter ihm her. Er ging, ohne sich no?h einmal umzudrehen, zu den Massen hinüber.
" Hallo, Hagimura, willst du nicht blindes Pferd sein?" rief ein Gruppenleiter ihm zu. "Gern, ich mache mit."
Er ging zur fünften Gruppe, zu der er gehörte, um sich eine Partnerin zu suchen. Aber er konnte da keine Bekannte finden, weil er wegen seiner Tätigkeit selten in die Gruppe kam. "Wer will von mir getragen sein?" Als er seine Jacke auszog, kam Takae.
" Ich will auf dir reiten." Sie stand in Strümpfen auf der Erde, ihre Backen waren gerötet. "Bravo, ihr beide seid ein schönes Paar."
Neben ihnen klatschten die Leute in die Hände. Als er am Start mit verbundenen Augen herumgedreht wurde, hatte er alles vergessen und sein
Gesicht wurde warm.
" Noch nicht - noch nicht, ich sage, noch nicht", schrie der Spielleiter
heiser hinter ihm.
Takae, die er für leicht gehalten hatte, weil sie so schwach und abgemagert aussah, war nun, als er sie auf dem Rücken hatte, doch sehr schwer. Er trug sie auf den im Rücken verschränkten Händen, die vor Aufregung heiß und feucht wurden. "Bravo, Hagimura, du sollst siegen!" "Taka-tjan, halt dich brav."
Sein Trommelfell dröhnte, und wenn Takae an seinen Ohren zog, dröhnte es noch mehr. Er konnte sich vor Aufregung kaum besinnen, hörte den Lärm der Tritte, die Paare rannten los, er bekam einen Stoß in den Rücken und rannte hinterdrein. Er fühlte seine Beine unsicher in der Luft und stürzte unversehens über die voranlaufenden Pferde. Er war verwirrt, konnte sich nicht gleich erheben und hatte Sand in Mund und Nase. Unwillkürlich riß er sich die Binde von den Augen und sah Takae, die weiter vor gefallen war, sich ihr weißes Bein reibend, auf sich "Schnell, schnell", schrie Takae energisch, sprang auf seinen Rücken und er mußte mit schwitzender Stirne weiterlaufen. Plötzlich fühlte er sich am Arm gepackt. "Aufhören, Hagimura, aufhören!" schrie Takae.
Er zog die Binde von den Augen und sah zwei ihm wohlbekannte Polizeikommissare vor sich. "Was wollen Sie?"
Das klang, als sei er schlechter Laune, weil man ihn im Mittagsschlaf gestört hatte. "Warum verhaften Sie mich?"
Die Kommissare grinsten und zogen ihn schweigend fort. Er konnte es noch nicht begreifen.
Dieser eine Augenblick genügte, um die Stimmung auf dem Platz völlig zu ändern, die Menschenmauer brach auseinander, hier und da sah Hagimura Zusammenstöße mit Polizisten. "Sagen Sie, weshalb, warum verhaftet man mich?" Er versuchte, die Hände, die seine Arme nach hinten drehten, abzuschütteln. "Schuft!"
Der andere Kommissar sprang hinzu, ergriff seine linke Hand und riß ihm den Arm nach hinten.
" Gehen Sie weiter. Auf der Wache bekommen Sie Auskunft!" Er wurde vorwärtsgeschoben und konnte sich nicht wehren. Die beiden Polizisten hatten ihm beide Arme nach hinten gedreht. Er sah, wie sich seine Leute in Haufen drängten und einander zubrüllten. Sie kamen dicht geschlossen auf Hagimura zu, um ihn im Gedränge zu befreien.
" Halt! Wartet doch. Ich komme gleich zurück."
Er beruhigte sie, weil er fürchtete, daß sonst nur noch mehr Opfer in die Hände der Polizei fallen würden.
Vor dem Tempeltor hielten drei Autos mit offenen Mäulern. "Hagimura, deine Mütze."
Takae warf ihm über die Rücken der Knminalbeamten Jacke und Mütze zu.
" Na, deine Freundin ist ein hübsches Mädchen - was?"
Die Beamten ließen seine Hände frei und machten sich über ihn lustig,
während er seine Jacke anzog.
" Halten Sie den Mund!"
Er hatte das kaum gesagt, als er schon in eine Ecke des Autos gestoßen
wurde.
Als er vor der Polizeiwache den Wagen verließ, stieß er auf Takagi, den ersten Vorsitzenden des Streikkomitees, der mit einem Polizeiwagen aus der entgegengesetzten Richtung eingebracht wurde.
" Hallo!"
" Was soll das heißen?"
Takagi wollte etwas rufen, doch Hagimura konnte es nicht mehr hören,
weil sie gleich auseinandergerissen wurden------.
Auf dem Wege zur Zelle fühlte er, daß diese Verhaftung für den Streik von größter Bedeutung werden mußte.
In der Zelle war es so dunkel, daß er nichts sehen konnte. Er war vom hellen Tag in die Finsternis gekommen. - Wenn Takagi schon verhaftet war, mußte auch die anderen Leiter das gleiche Schicksal getroffen
haben.
Was hatte das zu bedeuten?
Als es sich an das Dunkel gewöhnt hatte, sah er neben sich einen jungen
Mann, der seinen Kopf im Halbschlaf an die Wand gelehnt hatte. Moriya
- einer von der S-Abteilung!
" Hallo!" (Anm.: In den japanischen Polizeigefängnissen ist es verboten zu sprechen.) flüsterte er, um die Wächter nicht aufmerksam zu machen.
In diesem Augenblick stieg eine Erinnerung in ihm auf, die er erst
jetzt zu verstehen begann: wie da draußen nach der Sitzung der Streikleitung ein Mann im Dunkeln seine Hand ergriffen und gedrückt hatte -
schweigend, und sofort hatten sie sich wieder getrennt - -. Er hatte damals an diesem Schweigen nichts Merkwürdiges gefunden. Es ist nicht erlaubt an solchen Orten und in solchen Zeiten viel zu reden. Ob dieser Händedruck irgendeine Bedeutung hatte? Abschied für immer?
Tod?

II. Zwei Besuche

Die Dämmerung drang durch das Zellenfenster. Hagimura hatte fast nicht geschlafen. Die ganze Nacht hindurch hatte er die eisernen Zellentüren auf- und zuschlagen hören. Deshalb konnten die Leute in den Zellen alle nicht schlafen, wenn ihnen auch endlich vor Übermüdung und vergeblichem Warten die Augen zufielen. Bald nachdem Hagimura in diese Zelle gebracht worden war, hatte man Moriya herausgeholt, er war nicht zurückgekommen. So hatte Hagimura den Grund ihrer Verhaftung nicht erfahren und ihm blieben nur Vermutungen. "Wenn nur wieder jemand hereinkommen würde." Er gähnte, reckte sich und legte sich wieder auf den Boden. Die Polizisten, die wegen erhöhter Alarmbereitschaft hier versammelt waren, mußten diese Nacht gleichfalls auf der Wache zubringen. Sie drängten sich in allen Etagen des Amtes. Sie waren in dieser Zeit schon wegen der Parlamentswahlen übergenug beschäftigt. "Zum Teufel, wegen dieser Streiker habe ich wieder meinen Jungen nicht sehen können. Ich habe sein Gesicht schon zehn Tage nicht gesehen," brummte ein Polizist, dessen Augen vor Müdigkeit rot geschwollen waren.
Helle Sonnenstrahlen glitten über die Betonwand, drangen durch die Mattglasfenster in das Zimmer des Polizeichefs. Das war durch eine Dampfheizung angenehm erwärmt. Auf dem großen Tisch stieg langsam und gleichmäßig der duftende Dampf aus den Teetassen, die der Polizeidiener gerade gebracht hatte.
Der Polizeichef sah aus geröteten Augen auf die Wand, auf eine Uhr, die um drei stehengeblieben war. Der Chef hatte ein flaches Gesicht mit vorspringendem Kinn, das noch durch einen Bart unterstrichen wurde; er glich einer Samureifigur(Anm.: Samurei heißen die Angehörigen der japanischen Ritterkaste, die noch uralte Standesbegriffe bewahren. Sie spielten in der klassischen Literatur eine große Rolle. Ihr politischer Einfluß ist heute ebenfalls auf die Offizierspartei, großenteils auf die Großindustrie übergegangen, die auch den Hof des Mikado beherrscht.), wie man sie auf den Papierdrachen zeichnet. Mißgelaunt drückte er auf einen Knopf in der Tischplatte. Bevor die Klingel aufgehört hatte, zu schellen, erschien der alte Polizeidiener, der bescheiden an der Tür stehen blieb. "Sag' dem Protokollführer, wenn er mit seiner Vernehmung fertig ist, soll er zu mir kommen. Du hast mir noch nicht die Zeitung gebracht!" Der Chef nahm eine Tasse, um seinen drahtigen Bart spielte der Dampf. Die Zeitung kam sofort, aber der Protokollführer ließ auf sich warten. Der Chef verbiß ein Gähnen und breitete die Zeitung aus. Wie er erwartet hatte, wurde der gestrige Vorfall in jeder Zeitung groß, fett und übertrieben gebracht.
Brandstiftung! Der Täter wahrscheinlich ein Streiker der Daido-Druckerei?
Jede Zeitung schrieb fast dasselbe, aber die Tatsache, daß sich der bewaffnete Täter schon am Abend vorher auf den Boden des Hauses geschlichen hatte, fehlte überall. Bluff!
Er verachtete die Zeitungen. Ein Satz aber - " Täter noch nicht verhaftet" - mit dem die Findigkeit der Polizei verspottet werden sollte, ärgerte ihn.
" Dumme Kerle, wir sind ihnen längst auf der Spur. " Da kam der Protokollführer herein. Ein fünfzigjähriger Mann mit kahle breiter Stirn und kleinen Augen, er trug keinen Säbel und war recht aufgeräumt.
" Entschuldigen Sie, daß ich Sie warten ließ, der Kerl war ja so hartnäckig - - -. "
Der Chef bemühte sich, seinem untergebenen Kollegen gute Laune zu
zeigen und schob ihm leutselig einen Stuhl hin.
" Ich danke für Ihre Mühe. Wie steht es?"
Der Protokollführer legte einen großen Band Protokollakten vor ihn hin
und sagte:
" Ja, sie sind sehr hartnäckig; sehr schwer, etwas aus ihnen herauszubringen."
" Hm, hm", machte der Chef, während er die Akten durchsah, "wie steht es, meinen Sie, daß der wirkliche Täter unter ihnen ist?" Der Protokollführer schüttelte den Kopf.
" Wir haben die Kerle tüchtig gezwickt. Aber meiner Meinung nach haben die führenden Leute mit diesem Vorfall gar nichts zu tun." Der Chef starrte den Mann mit den kleinen Augen an. "Unsere politische Polizei hat gerade eine Beratung mit der Revierpolizei, bei der die Geschichte passiert ist. Wenn sie zurückkommen, werden wir zusammen beraten und kennen dann alle Meinungen." Der Unterbeamte fuhr fort, indem er den weit jüngeren Chef unterwürfig ansah: "Die Organisation dieses Streiks ist anders als sonst - sehen Sie zum
Beispiel mal dieses Protokoll - das da."
Er nahm aus dem Haufen einen Akt heraus, und seine Stimme wurde
leise.
" Dieser Junge heißt Moriya und gehört zu einer sogenannten S-Abteilunft"
Er hörte ein Geräusch, drehte sich um und sah an der Tür den alten
Polizeidiener, der eine Visitenkarte in der Hand hielt.
" Herr Polizeichef, zwei Herren wollen Sie sprechen."
Der Chef ärgerlich über die Störung, sah auf die Karte und las:

Stadtverordneter Genichi Ynoshita Direktor des Verbandes der Druckereibesitzer
in Tokio.

Es war der Direktor der Orient-Klischee-Anstalt, dem Polizeichef durch Parteibeziehungen bekannt. Auf der Rückseite der Karte stand mit Bleistift geschrieben: "Ich möchte Sie umgehend wegen des Streiks der Daido-Druckerei sprechen." "Äh, äh, er kommt recht ungelegen."
Der Chef war unschlüssig, weil das Gespräch bestimmt auf die gestrigen Vorgänge kommen würde. Aber es war immerhin ein Besucher, den man nicht gut abweisen konnte.
Der Protokollchef verließ aus Höflichkeit das Zimmer, aber bevor er durch die Tür trat, kam er schnell noch einmal zurück und flüsterte dem Chef etwas ins Ohr.
Der zwinkerte mit den Augen, sah den Beamten eindringlich an und
nickte zustimmend.
Zwei Herren kamen herein.
Ja, wir haben uns lange nicht gesehen - entschuldigen Sie die Störung." Der Herr, von dunkler Gesichtsfarbe, mit listigen, beweglichen Augen und kurzgeschnittenem Schnurrbart, die Finger im Westenausschnitt, war Ynoshita.
" Bitte schön, im Gegenteil, bin sehr erfreut." Der Polizeichef hob seinen Hintern aus dem Sessel und schloß die Knöpfe seiner Uniformjacke.
Darf ich bekannt machen: dieser Herr ist der Direktor der Tokio-Kunstdruckerei, Herr Senzo Minayama - der Polizeichef vom Polizeiamt, mein Freund Herr Muroto."
Der vorgestellte Herr, der ein merkwürdig langes Kinn hatte, und der Chef begrüßten sich, ohne ihrer Würde etwas zu vergeben. Der Polizeidiener brachte Tee.
" Ja, das ist ja nun eine große Geschichte geworden." Die Stimme Ynoshitas schrillte blechern. Der Polizeichef schwieg mit einem galligen Lächeln, er dachte an seine Verantwortung. "Aber Kollege Okawa ist auch zu starrköpfig - ha ha ha." Es war eine beliebte Methode des Stadtverordneten, der es gewohnt war, mit den Beamten, denen er seine Stellung verdankte, freundlich umzugehen, die Bürokratenwürde mit einem behäbigen Lachen einzuwickein und dabei den Gesichtsausdruck der anderen zu studieren. Besonders gern spielte er dabei den Namen des führenden Mannes im Mitsui-Finanzblock, Okawa, Mitglied des Oberhauses, als den eines Kollegen aus.
Minayama lachte mit, der Polizeichef blieb ernst. Wenn seine Gegenüber nicht Stadtverordnete gewesen wären, hätte er längst gefragt: "Was wünschen Sie, ich bin sehr beschäftigt. " So aber drückte nur sein Gesicht diese Stimmung aus. "Kurz und gut, ich habe eine Bitte... Ich möchte von Ihnen einige Streik führer ausborgen, die gestern hier eingesperrt wurden." Ynoshita sprach jetzt ernsthaft. Er war, wie der Polizeichef wußte, einer der Schiedsmänner zwischen den Streikenden und dem Unternehme Er kam als Vertreter des Schiedsgerichts und wollte die Streikführer mitnehmen, um am Nachmittag mit den Leuten der Fabrik zu verhandeln.
" So. Ja, das ist sehr schlimm. Die Untersuchung ist noch nicht beendet. Die beiden verstanden, daß ein Beamter nicht gleich Jawohl, ich werde mich bemühen" sagen konnte. Deshalb betonte Ynoshita, daß er seine Ehre darein setze, diesen Streik, der ernstlich die Ordnung der Gesellschaft gefährde, beizulegen, und daß auch der Polizeichef seinen guten Willen verstehen müsse.
Der Sonnenschein, der durch das Mattglasfenster hereindrang, wurde wärmer. Endlich schwang sich der Polizeichef auf, hinzuzusetzen:
" Nachdem ich vorher die Absicht des Polizeipräsidenten gehört habe." "Also dann werde ich Sie am Nachmittag wieder anrufen. Ich bitte um
Ihre Unterstützung - -."
Die zwei Besucher verließen das Zimmer des Polizeichefs. Vor dem Tor des Amtes stand ein neuer Packard, der Motor sang mit hellem Klang.
" Glauben Sie bestimmt daran?" fragte Minayama, als sie im Wagen
saßen.
" Na, es ist immer so. Ein Beamter darf einfach nicht gleich ja sagen,"
lachte der Stadtverordnete optimistisch. Das Auto fuhr geradeaus durch die Otawastraße und verschwand im Hof des Hauses von Herrn Kuniko, dem Direktor des Yamato-Kodan-Verlages.
Okawa war ein Frühaufsteher. Er trug niemals europäische Kleidung und auch niemals andere Schuhe als leichte japanische Strohsandalen.
Das war stadtbekannt.
An diesem Tage war er wie immer um fünf Uhr aufgestanden. Seine Energie, die er durch strenge Enthaltung von Frauen und Wein gut konserviert hatte, war seit seiner Jugend die gleiche geblieben. Jetzt konnte er von drei Uhr ab nicht mehr gut schlafen, das war die einzige
Unregelmäßigkeit, die das Alter mit sich brachte.
Der schweigsame, zu einem Strich zusammengepreßte Mund nahm den größten Teil seines Gesichts mit dem gut gebauten Kinn ein. Er war nicht sehr groß; aber Menschen, die dieses Gesicht von oben zu sehen bekamen, waren nicht häufig. Die meisten bückten sich vor diesem kleinen Mann so tief, daß sie ihn doch von unten ansehen mußten.
Unter den Abgeordneten des Oberhauses war er der einzige, der bei jedem Kabinettswechsel als Kandidat der Barone vorgeschlagen wurde.
Seine Hartnäckigkeit und sein klarer, mathematischer Kopf wurden von seinen Anhängern abgöttisch verehrt.
Um sieben Uhr, nach dem Frühstück, ging er in sein Arbeitszimmer und sah die Berichte seiner Gesellschaften durch, mehr als fünfzig.
Mit seinem Sekretär sprach er nie anders als im Befehlston. Das gestrige Ereignis war ihm so gleichgültig, daß er darüber gar nichts in der Zeitung lesen wollte. Nachdem er die wirtschaftlichen und
politischen Seiten der Zeitungen überflogen hatte, rief er nach seinem Dienstmädchen und kleidete sich um.
Vor der Tür sagte sein Sekretär:
" Herr Shibusaka hat eben angerufen und fragt, ob er zu Hause auf Sie
warten soll. Was soll ich antworten?"
" Ist Herr Shibusaka persönlich am Apparat?"
" Ja."
Darauf ging er selbst in die Telefonkabine.
Der alte Shibusaka war gleichfalls ein Frühaufsteher. Okawa lachte vergnügt, als er nach fünf Minuten die Telefonkabine verließ. Er war selten guter Laune.
Die beiden Helden treffen aufeinander! dachte der Sekretär bei sich. Der Generalstabschef des Mitsubichi-Finanzblocks war bis heute Okawas bester Gegner, der auf allen möglichen Aktionsgebieten mit ihm gekämpft hatte. Mit einemal wurde Okawa um ein Zusammentreffen gebeten. Der Sekretär war sehr gespannt und befahl einem Diener, das Auto zu schicken.
Um neun Uhr trat Okawa, gefolgt von seinem Sekretär, in das Direktorenzimmer des japanischen Industrieverbandes. Acht Herren standen von den Stühlen auf, um ihn zu begrüßen.
Es waren die Direktoren der Daido-Druckerei, der japanischen Lampenfabrik, der Okawa-Maschinenwerke, der Okawa-Gummiwerke und so fort.
Okawa nahm auf dem Präsidentenstuhl Platz und sah die acht Herren an wie Untertanen, die er hierher kommandiert hatte. Diese acht Herren hatten verschiedene Titel: Direktor, Geschäftsführer, zweiter Fabrikvorsteher usw.; sie besaßen aber nur dem Namen nach Anteile der Gesellschaft und waren im übrigen Angestellte ohne besondere Rechte.
Nach einem kurzen Schweigen sagte Okawa plötzlich: "Herr Furuya, bitte den Streikbericht."
Ein langer dünner Herr, dessen Kopf und Körper nur durch einen schwarzen Schlips getrennt wurden, das war Furuya, der Geschäftsführer der Daido-Druckerei. Er hatte diese Frage erwartet und nahm aus der Aktentasche den Tagesbericht, ein Protokoll und Flugblätter der Streiker und erklärte.
Okawa, der schwer wie ein Berg auf dem Sessel saß, sah starr an die Wand und sprach kein Wort. Nachdem der Geschäftsführer seinen Bericht beendet hatte, mußte er noch die kleinen und großen Flugblätter vorlesen, ehe Okawa antwortete.
Die Leute von der japanischen Lampenfabrik und von der Oosi-Papier-fabrik verstanden nicht, warum man sie zu diesem Streikbericht hinzugezogen hatte.
Im Zimmer herrschte eine drückende Stille, nur die lebhaften Geräusche der Autos, die sieben Stockwerke tiefer in der Unterwelt über die Straße rasten, drangen gedämpft durch die geöffneten Fenster herein.
Endlich begann Okawa zu sprechen: "Lehnen Sie jede Antwort an die Streikenden ab."
" Ja," sagte der Geschäftsführer und machte ein hilfloses Gesicht, weil Okawa sich nicht genauer erklärte.
Okawa wandte sich jetzt fragend an die anderen Herren:
" Wie lange können Sie mit Ihren Lagervorräten aushalten, wenn wir
jetzt die ganze Produktion stillegen?"
Die Frage kam ihnen völlig unerwartet. Überrascht berichtete jeder
nun ganz allgemein über die Bestände der Fabriklager und der bei
den Provinzvertretern lagernden Waren.
" Gut. Ich habe jetzt eine Besprechung mit Herrn Shibusaka. Sie gehen
in Ihre Fabriken und bringen alle Lager in Ordnung, damit wir nicht
in Verlegenheit kommen, wenn morgen der Streik beginnt."
Er winkte seinem Sekretär mit den Augen, nahm seinen Stock, den
Furuya ihm reichte und verließ das Direktorenzimmer, ohne sich,
wie das diese Herren meist tun, eine Zigarre anzubrennen. Okawa
ging die Wendeltreppe herunter, er liebte es nicht, den Fahrstuhl
zu benutzen. Als er durch das Haupttor des Wolkenkratzers trat, sah
er eine fragwürdige Gestalt.
Es war ein Mann in Arbeiterkleidung, der im Schatten des Gebäudes stand und ihn durchdringend ansah. Trotz der Entfernung sah Okawa, daß sich der Mann schnell zurückzog, als sich ihre Blicke trafen. Okawa trat an das Auto, der Sekretär stand hinter ihm, der Chauffeur machte eine Verbeugung und öffnete die Wagentür - in diesem Moment schrie der Sekretär auf und Okawa sah in das verzerrte Gesicht eines Arbeiters, der wie eine Katze auf ihn zukam.
" Dummer Kerl," schrie Okawa; er lehnte sich auf seinen Stock. Der Chauffeur und der Sekretär, die hinzusprangen, versuchten den Arbeiter fortzudrängen.
" Okawa!" schrie der Arbeiter und seine Lippen zitterten wie die eines Sterbenden. Er hob seine rechte Hand und warf einen glänzenden Gegenstand, der hart an Okawas Kopf vorbeiflog.
Verwirrte Arme und Beine kreisten wie zersprungene Federwerke, Schreckensschreie und Stöhnen erschütterten die Luft. Aus dem Gebäude und hinter dem Auto kamen Leute gelaufen. Die verknäulten Arme trennten sich, die Beine des Blusenmannes stießen in die Luft -er rollte seinen Körper wie einen Ball und verschwand hinter der Ecke.
" Laßt ihn nicht fort!"
" Er darf nicht fliehen!"
" Haltet ihn!" riefen die Leute und liefen durch die Nebenstraße hinter
ihm her.
Aus den Büros kamen die Direktoren, als erster der Geschäftsführer Furuya mit schreckensbleichem Gesicht. Auch die Polizisten kamen. Okawa stand die ganze Zeit mit bösem Gesicht und schweigend. Der Sekretär kam zurück und sagte keuchend:
" Sind Sie verwundet? Fühlen Sie sich unwohl? Er ist ins Marunoutji-Building hineingelaufen. Sie werden ihn bestimmt verhaften."
Ein Polizist fragte den Sekretär genau aus, ein anderer rannte ans
Telefon.
" Ah, solch ein Ding" - der Geschäftsführer wollte einen glänzenden Gegenstand, der neben einer Säule lag, aufheben, aber der Polizist hatte es bemerkt und brüllte ihn an:
" Lassen Sie das gefälligst so liegen, wie es liegt!"
Ein handgroßes Messer - oh - die Leute besahen noch entsetzt und außer sich das Messer, als Okawa sagte:
" Es ist schon 11 Uhr, wir dürfen uns nicht verspäten. Fahren wir los!"
Er stieg scheinbar völlig ruhig ins Auto. Als der Wagen fortglitt, nahm Furuya eine militärische Haltung an.
" Diese Streiker - fürchterliche Kerle - - aber unsere Generale sind noch erstaunlicher. Nicht mal mit den Wimpern hat er gezuckt...."


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