I. Die Schlichtung wird erzwungen 11 страница



 

Wunden

I. Spaltung

Am nächsten Morgen. Durch den schmutzigen Schnee glichen Straßen,... Uferdamm, Platz, Bergabhang, der Eingang des Polizeiamtes, den Gesichtern der Dirnen, wenn sie am Nachmittag erwachen. Als die letzten wimmelnden Ameisen aus der Vorstadt Oji vertrieben waren, war es bereits ein Uhr; bald darauf begann es zu schneien. Während der ganzen Zeit, bis endlich die schwache Wintersonne den zertretenen Schnee gelb färbte, war in dem Eingang des Oji-Polizeiamtes ein ruhiges Kommen und Gehen von Uniformen und Zivilbeamten. Zerbrochene Gewerkschaftsfahnen - mit schwarzer, klebriger Kruste behaftete Fahnenspitzen; viele Hüte und Mützen, zerbrochene Regenschirme, Stangen, blutgefärbte Taschentücher, Schals, Arbeitskittel... Das alles lag als Beweismaterial auf dem Tisch der politischen Polizei in der ersten Etage, weit genug von dem Lärm auf den unteren Korridoren. Der Chef der politischen Polizei, der Dezernent für Arbeiterfragen und der Chef der Kriminalabteilung unterhielten sich mit dem Vorsteher des Reviers, der einen Verband um den Kopf trug. "Hum, das ist ja allerhand", brummte der Chef, "haben Sie schon die Rädelsführer verhaftet?"
Der politische Chef erinnerte an den Brand der Polizei-Schilderhäuser (Anm.: 1917 gab es anläßlich einer willkürlichen Erhöhung der Straßenbahntarife in Tokio Straßenrevolten, bei denen sämtliche Schilderhäuser der Polizei verbrannt wurden.). "Ja. wir sind gerade bei der Vernehmung... . aber es sind schon mehrere hundert Verhaftete."
Der Reviervorsteher zwinkerte mit seinen rotgeränderten Augen unter dem Verband hervor. Ihm lag vor allem daran, den Kerl, der den Stein auf ihn geworfen hatte in seine Hände zu bekommen.
Na, das hat alles keinen Zweck, die Rädelsführer haben sich doch in
Sicherheit gebracht. "
Der politische Chef war fest davon überzeugt und blies den Rauch
seiner Zigarette durch den Bart.
Um seine Wichtigkeit und Unzersetzbarkeit möglichst augenfällig zu
machen, mußte er einen ganz hervorragenden Schlachtplan entwerfen.
Vor allem mußte er diese Gelegenheit wahrnehmen, um der neuen Regierung seine besonderen Fähigkeiten als guter Reiter zu beweisen. Nachdem er einige von den Belastungsmitteln betrachtet hatte, fand er etwas, das ihn den Atem anhalten ließ. Heftig stieß er den Rauch seiner Zigarette von sich. "Oho, hm -."
Alle sahen hin. Das schwarze Ding war eine glänzende acht Zoll lange Pistole.
" Sie müssen den Platz, wo der Krawall stattgefunden hat, noch genauer untersuchen", sagte der Chef zum Vorsteher der Wache, sah auf seine Armbanduhr und verließ das Zimmer.
Aus der Hintertür des Polizeiamts kamen zwei Sanitäter mit einer Bahre, drängten die Mauer der neugierigen Anwohner auseinander und gingen zum Krankenhaus. Die Leute der Straße mußten fortsehen, so grauenhaft war das, was auf der Bahre lag.

Das Auto des politischen Chefs hielt eine halbe Stunde später vor dem Hause der Gesellschaft für Klassenversöhnung in Onarimon im Shibo-Bezirk. Die Straße »vor dem Hause war vollkommen gesperrt und von uniformierten Polizisten begraben. Als der Chef aus dem Wagen stieg, grüßten die Polizisten militärisch. In Wirklichkeit war hier kein Polizeikongreß, sondern ein außerordentlicher Parteitag der Rodosha Nomin To (Arbeiter- und Bauernpartei), wie die sechs langen Transparente über der Tür anzeigten.
Der Chef ging in den Aufenthaltsraum der polizeilichen Versammlungskontrolle. Seine Augen suchten nach den Detektiven, er erkannte jeden einzelnen: sie hatten ihre Netze gespannt.
Im Saal war die Luft vom Atem der Menschen heiß zum Umfallen. Aber nicht nur auf den Delegiertenplätzen unten im Saal, sondern auch oben im Rang, bei den Zuhörern, brannten helle Augen, wie die der Massen der gestrigen Nacht - bis hoch unter die Decke. Trotzdem war es im Saal still. Das Klappern eines Bleistiftes, der am Platz des Sekretärs zu Boden fiel, drang bis in den hintersten Winkel der Galerie.
Mit angehaltenem Atem starrten die Tausende nach dem Platz des VerSammlungsleiters, der vorläufig noch leer war.
Delegierte aus ganz Japan, von den Bauerngewerkschaften, der Angestelltenunion, von den Suiheisha-Genossenschaftsverbänden (Anm.: Die "Suiheisha" sind die Verbände der japanischen Parias (Eta), zu denen die "unreinen" Berufe (Abdecker usw.) gehören. Diese Kastenbegriffe haben sich von den ältesten Zeiten an erhalten.), zusammen mehrere tausend Delegierte, vertraten die vielfachen Wünsche ihrer Organisationen und bemühten sich nachdrücklich, diese Ansprüche auf diesem außerordentlichen Parteitag zum Ausdruck zu bringen. Auch die Gesichter von Takagi, Nakai und Yamamoto waren unter den Delegierten des Hyo-gikai zu sehen; sie waren sich der ungeheuren Wichtigkeit ihrer Aufgabe auf diesem Parteitag bewußt.
" Die Polizei macht sich schon zur Aufhebung bereit", flüsterte man in den Winkeln der Zuhörerplätze; es schienen Anhänger des linken Flügels zu sein.
" Legale Umänderung des § 3 im Aktionsprogramm der Partei", lautete der Vorschlag der Rechten, wegen dem sie diesen außerordentlichen Parteitag gefordert hatten. Sie wollten mit diesem "Vorschlag" die Spaltung "auf legalem Wege" durchführen.
Dieser § 3 des Aktionsprogramms, auf dem Gründungskongreß vor einem halben Jahre beschworen, war für die Rechten "Brennholz auf dem Rücken des Waschbären auf dem Katji-Katji-Berg (Anm.: Etwa soviel wie "feurige Kohlen auf den Häuptern". Anspielung auf das japanische Märchen vom Hafen, der aus Wut dem Waschbären eine Last Brennholz zu tragen gibt und es auf seinem Rücken anzündet. Katji-Katji bedeutet das Geräusch des Feuerschiagens.), das heißt, sie wollten die glühende Last der Verfolgung und Unterdrückung durch die Polizei nicht auf ihren verräterischen Rücken tragen. Das aber bedeutete vom Standpunkt der Linken nur eine feige Abweichung, Verfälschung der Parolen, Ablehnung der tatsächlichen Forderungen der Gesamtheit der proletarischen Massen. Obwohl dieser Zwist unvermeidlich zur Spaltung führen mußte, konnten sie eine solche willkürliche Abänderung, die vom Kern der Parteiidee ablenkte und der augenblicklichen Offensive des Kapitals auswich, nicht erlauben. "Seht die Massen, die aus den Betrieben und aus ihren Dörfern verjagt wurden: trotz ihrer Wunden verteidigen sie ihre Sache und werden ihr bis in den Tod treu bleiben! Wie kann man untätig zusehen wollen, wie diese Massen vor unsern eigenen Augen zugrunde gehen?" sprach es aus den Blicken der Linken. Aber die Rechten dachten: Jene Position des japanischen Proletariats, die in den Zeiten der günstigen Konjunktur vor und nach dem Weltkriege erkämpft wurde, kann unter den jetzigen wirtschaftlichen Verhältnissen unmöglich gehalten werden. Sie glaubten an die parlamentarische Politik und an periodisch wiederkehrende Finanzkonjunkturen: ein Schritt rückwärts und zwei Schritte vorwärts -so meinten sie. Aber:
" Ein Schritt rückwärts bedeutet immer zwei weitere Schritte rückwärts, nein, es bedeutet sogar Niederlage und Vernichtung. " Die Rechten würden ihre Antwort brüllen - aber Nakai und seine Genossen würden das letzte Wort haben:
" Wir haben das in diesem Daidostreik praktisch erfahren. Die Massen werden es nicht zulassen, daß dieses Spiel noch einmal wiederholt wird. "
Das alles waren grundsätzliche, theoretische Auseinandersetzungen zwischen den beiden Flügeln, die sich so wenig jemals verstehen werden wie Wasser und Feuer. Dazu kam der nicht wieder gutzumachende Fehler der Rechten, die sich durch die Kabinettspolitik des Generals "Sibirien" zu bestimmten Maßnahmen hatten treiben lassen. So war es: die Offensive des Kapitals hatte durch die Hände der Rechten die gewaltige Bombe der Unterdrückung mitten im Lager des Proletariats explodieren lassen.
Die im Sitzungszimmer am Tisch der Versammlungsleitung seit drei Stunden tagende Vorkonferenz, die infolge heftiger Diskussionen zu keiner Einigung kam, erregte im höchsten Maße die Aufmerksamkeit der Polizeibeamten auf der improvisierten Wachstube. Die Fische mit glänzenden Schuppen (Anm.: Nämlich die uniformierten Polizisten.) schwammen im großen Strom, sammelten sich an bestimmten Punkten und schnupperten überall herum. Endlich wurde die Vorkonferenz geschlossen. Trotzdem die Rechten zuletzt nachgaben, hatten sich die Differenzen nur noch verstärkt. Der wichtigtuerische Polizeileutnant flüsterte dem Chef in die Ohren: "Ich glaube, die Rechten wollen keine andern Vorschläge zur Debatte kommen lassen, wenn ihr eigener Antrag abgelehnt oder verschoben wird. "
Der politische Chef nickte lächelnd. Die beiden Vertreter der Staatsautorität fixierten die Plätze der Linken, wo sie das Pferdegesicht Nakais und den runden Rücken von Takagi sahen.
" Da sitzen die Hunde, als wenn nichts geschehen wäre." Er mußte an den gestrigen "Aufstand" denken, und mit der Routiniertheit seines Berufes brachte er seinen Gedankengang zu Ende: "Na, noch einige Stunden, dann kommt die Spaltung. "
Er instruierte seinen Untergebenen und verließ die Wache. Die Atmosphäre im Saal hatte seine Laune gehoben, er fuhr ins Polizeipräsidium zurück..... Aber wenn er nur noch eine halbe Stunde hier im Saal geblieben wäre, hätte sein Gesicht noch mißmutiger ausgesehen als am Morgen beim Verlassen des Polizeiamts in Oji.
Laut außerordentlichem Antrag der Linken beschloß nämlich der Parteitag vor Eintritt in die Tagesordnung:

Resolution
Es ist offensichtlich, daß die schnell aufeinander folgenden Streiks in der letzten Zeit einzig die Folge unverhüllter Unterdrückung der Gewerkschaftsbewegung durch das Kapital sind. Das bedeutet nicht nur eine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, sondern ohne Frage vollständige Vernichtung der Gewerkschaften. Es ist nur konsequent, daß die Unternehmer künftig die Koalitionsfreiheit der Arbeiterklasse ganz aufheben wollen.
Wir, die Rodosha Nomin To, protestieren gegen die politischen Maßnahmen der Regierung gegen die Streikenden der Daido-Druckerei und der Oji-Papierfabrik, die sich tapfer gegen die maßlose Ausbeutung und Unterdrückung durch die Unternehmer zur Wehr setzen. Wir verlangen, daß sich die Regierung verantwortet. Die Entwicklung der Ereignisse von gestern abend ist ein warnendes Beispiel. Die Schuld an diesem Ausgang der Ereignisse trägt ausschließlich die Regierung. Wir erheben schärfsten Protest gegen diese Regierung, die nur Handlanger der Unternehmer und Kapitalisten ist.
Rodosha Nomin To.

Diese Resolution wurde vom Versammlungsleiter verlesen und einstimmig angenommen.
Das begeisterte Klatschen der Linken wurde von neuem angefacht, als der Vertreter des Schanghaier allchinesischen Gewerkschaftsbundes begrüßt wurde. Ein Koreaner entrollte das Begrüßungsschreiben, ein rotes, viereckiges Papier, und verlas es mit koreanischem Akzent: "Nieder mit dem Imperialismus!" "Nieder mit dem Militarismus...!" "Halt!"
Die Hand eines Polizisten packte schnell die Schulter des Koreaners. Über die Köpfe der Delegierten, die aufgeregt von den Sitzen sprangen, flatterte das herzliche Geschenk, das rote Papier, und fiel in die Massen. Der leise Gesang Takaes riß mit einem Male sein Bewußtsein aus dem Fieberschlaf. Fettiger Schweiß rann von seiner Stirn... Aber nur für einen kurzen Augenblick der Klarheit konnte er Takae erkennen, die ihm die Eiskompressen wechselte, hörte er das Rauschen der Bäume draußen - dann verschwamm alles wieder, die Dinge hatten noch keinen Bestand. In der Kammer dämmerte es schon leicht, doch in den letzten schwachen Sonnenstrahlen, die durch das Milchglasfenster trieben, erschien das Gesicht Hagimuras in dem weißen Leinen wie eine Totenmaske. Takaes Kopf war so leer wie die Medizinflaschen. Sie mußte zu Hause den kranken Vater und hier Hagimura pflegen - ohne Okayos Hilfe. Auch brannte immer noch die Wunde an ihrer Ferse. "Wird er sterben?"
Seine glanzlosen Augen öffneten sich mechanisch, wie bei einem Maschinenmenschen, aber er erkannte sie nicht.
Während die Medizin mit lautem Schlucken durch seinen Hals floß, zählte das Mädchen wie ein erfahrener Arzt an seinem Arm die Pulsschläge; sie stützte sich auf die schmutzige Decke seines Junggesellenbettes. "Wenn sein Leib morgen kalt ist... Nur einen Tag hat er in der Klinik gelegen, dann wurde er fortgejagt. Wenn er dann drei, vier Jahre tot ist, werde ich zu meiner Kollegin, die neben mir in der Fabrik steht, sagen: "Die haben meinen Freund getötet... !" Und die wird dann antworten: "Brutale Bande, - armer Kerl!" Dann werden wir beide das Lied aus dem Gefängnis singen. Und nach Fünf Minuten werde ich wieder heiter sein, als wenn nichts passiert wäre." "Sterben -".
In ihrem leeren Kopf huschten die Bilder wie ein Rauch vorüber. Würgend stieg es ihr in der Kehle hoch. "Nun, tut es dir weh - -?"
Hagimura verzog sein Gesicht und bewegte den Mund. Doch seine Augen schlossen sich wieder, und wieder versank er in Bewußtlosigkeit, nur seine Lippen zitterten noch leise.
Sie legte ihre Hand auf seine Stirn, wechselte die Eiskompresse und sah die kräftigen Arme des Mannes, die unter der Decke hervorkamen. "Nein, er wird wieder gesund, wird bestimmt wieder gesund...." Sie nahm seine Hand und sagte, sich selbst tröstend: "So kann man nicht sterben - so kann man nicht sterben - so kann man nicht...." Er war für sie die Quelle alles Wissens. Er hatte sie gelehrt, wie man die Welt anschauen muß, er hatte ihr gezeigt, wo die Teufel sind und wer. Der Bücherschrank, der gar nicht zu diesem Zimmer paßte, war ihre ganze Schule. Auf dem kleinen Schreibtisch, der zugleich als Eßtisch diente, lag eine aufgeschlagene Broschüre "Organisatorische Fragen" von Lenin, in der er bis zu seiner Verwundung gelesen hatte. Sie nahm das Heft und blätterte darin, aber sie war viel zu müde und legte das Heft wieder auf den Tisch. Dann hockte sie sich wieder auf. ''Fräulein Takae, die Milch! "hörte sie die Stimme der Wirtin von unten. Sie holte die Milch herauf und wärmte sie im Wasser. Das Fieber schien zu sinken. Von seinem Gesicht verschwand die Röte, und der keuchende Atem ging ruhiger.
Sie fühlte, wie das Leben wieder in seinen Körper strömte und durch alle Adern rann. Sie war sehr froh.
Sie goß die warme Milch in eine Tasse, hielt sie ihm an den Mund und stützte ihn im Rücken. "Hagimura - -. "
Sie mußte ihn erst ein paarmal anrufen, bis er die Augen öffnete und sie ansah.
" Milch. - Willst du nicht - -?"
Er trank mit hastigen und mühsamen Schlucken ein wenig. "Du mußt bald gesund werden - - "
Der Kranke trank ohne Lust etwa einen Viertelliter, dann holte er tief Atem.
" Bald ist alles wieder gut."
Sie wischte ihm den Mund, und als sie die Decke glatt legen wollte, faßten seine immer noch kräftigen Hände ihren Arm.
" Ah, oh - -!" machte sie erstaunt. Seine Augen waren geschlossen, seine Lippen bewegten sich kraftlos, es blieb nur eine Bewegung, aber in der Wärme seiner Hand fühlte sie, was er sagen wollte. "Hab keine Angst, schlaf ruhig, ich bleibe immer bei dir. " Sie hatte ihr Gesicht dicht neben seines gelegt und konnte nur halb ausdrücken, was sie fühlte; sie wurde rot dabei.
Verschämt sah sie auf die geschlossenen Augen des Mannes, dann küßte sie seine Stirn.

 

II. Streikbrecher

Stürmische Nächte wechselten mit eiskalten, regnerischen Tagen; das Jahresende rückte näher. Okayo kam zurück.
Blaß, mit trüben Augen, aus denen alles Leben geflohen schien; das aufgedunsene Gesicht und die geschwollenen Glieder hatten sie gegen früher so verändert, daß ihr Vater, der aus seinem Bett herauskroch, zu weinen begann, als sie, von Takae gestützt , über die Schwelle des Hauses trat.
Zwei Bettmatten wurden nebeneinandergelegt. Okayo konnte nicht mehr aufrecht sitzen. Ihre Lippen waren schwarz und zitterten unaufhörlich wie vor Frost. Sie war im Gefängnis krank geworden - Beri-Beri (Anm.: Beri-Beri, japanisch Kak-ke, eine im ganzen Osten weitverbreitete Krankheit, die durch vitaminarme Ernährung entsteht. Infolge vollständigen Versagens aller Organe des Körpers tritt in den meisten Fällen der Tod ein.). Trotzdem waren ihre Sinne immer noch wach. Ihr bleiches Gesicht hob sich von der Bettdecke ab, während sie alle Dinge berichtete, die Takae zum Weinen brachten.
" Ich werde sterben und mein Kind wird auch nicht am Leben bleiben. " Sie lächelte traurig und weh unter ihrer Frisur, die Takae eben in Ordnung gebracht hatte.
" Ach, er ist auch so geworden, sie haben ihn genau so zugerichtet, noch schlimmer - und wenn ich selbst wieder gesund würde - ihn werde ich nie wiedersehen. "
Sie ahnte, daß sie ihren Freund nicht mehr sehen würde. Das Bild Miatjis, den sie seit der Begegnung im Gang der Polizeiwache nicht mehr gesehen hatte, war in ihr eingebrannt.
Das Essen widerte sie an; die Reissuppe, die die Schwester ihr fast gewaltsam aufdrängte, hatte sie gleich wieder erbrochen. Der Senkawa-Kanal war ganz mit Eis bedeckt.
Takae konnte nicht mehr ins Streiklokal gehen, sie mußte ihre beiden Kranken pflegen. Durch Genossinnen der Frauenabteilung, die sie zuweilen besuchten, hörte sie, daß die Stimmung der Gruppe ganz gesunken und gebrochen war.
Niedergedrückt saß sie an Okayos Kissen. Dunkel und schwer lastete die Nachricht auf ihren Gedanken, daß die Fabrik die Aussperrung aufgehoben und mit großen Kosten und vieler Mühe etwa dreihundert Streikbrecher gesammelt und mit ihnen die Produktion wieder in Gang gebracht habe.
" Wir suchen Schriftsetzer, Buchdrucker und Anleger", hatte eine einfache, aber sehr große Anzeige in den Zeitungen sich der Sturmflut der Erwerbslosen entgegengeworfen. Es war ein harter Schlag gegen die Streikenden, die so plötzlich die Kälte des Jahresendes doppelt spürten. Die Gesellschaft hatte nach der Generalaktionärsversammlung alle Posten von Direktoren und Angestellten neu besetzt und begann ihre Magazine wieder aufzubauen. Groß aufgemachte Begrüßungsartikel in allen Zeitungen setzten die Kunden von der Wiederaufnahme der Arbeit in Kenntnis. Gleichzeitig ließ die Entlassung von 2700 Streikenden den unbeugsamen Willen Okawas erkennen. Die Einigungsvorschläge der Bürger des Kotshikawabezirks wie der Vermittlungsversuch des Chefs des Kotshikawa-Polizeiamts wurden rundweg abgelehnt. Auch ein buddhistischer Oberpriester hatte aus demselben Grunde Okawa aufgesucht. Der äußerst würdige Priester hielt diesem harten reichen Mann eine Predigt, warnte ihn, auf seine Erfolge und seinen Reichtum stolz zu sein und wollte die Massen retten. Der Priester glaubte, diesen Auftrag vom Himmel selbst erhalten zu haben. Es gab alte Vorbilder, die ihn in seiner Handlungsweise bestärkten. Aber der Weltmann hatte ihn gar keiner Antwort gewürdigt. Nachdem er etwa zehn Minuten lang geredet und sich dann von seinem Sessel erhoben hatte, sagte Okawa nur:
" Ich danke vielmals für Ihre Bemühung. "
Die niedergedrückte Stimmung entstand nicht nur aus all diesen Gründe». Die vielen Opfer hatten große Lücken in die Gruppen der Kämpfer gerissen, und in die leeren Stellen schlichen sich jetzt die Spitzel der Gesellschaft. Im kalten Wind des Jahresendes flatterten traurig die Jahrmarktsfahnen.
Hagimura stand früh auf, steckte seine Füße in die Strohsandalen und verließ zum ersten Male sein Haus. Nur weil bei dem Schlag, den er bekam, der Knochen nicht verletzt war, konnte die stark schmerzende Wunde verhältnismäßig schnell verheilen.
Er wollte sich nach der Lage des Streikbüros erkundigen und dann Takae danken und Okayo besuchen.
Jedesmal wenn er an einen kleinen Stein stieß, fühlte er schmerzhaft seine Kopfwunde.
" Donnerwetter, du läufst ja schon, schadet die das nicht?" schrie Takae laut und erstaunt, als er in der Tür erschien. "Ach, es geht schon wieder, ist gar nicht so schlimm." Er begrüßte den alten Vater, dankte Takae und sah der Okayo, die auf den Matten lag, in das bleiche Gesicht. "Ich habe gehört, du hast Miatji getroffen. "
" Ja", nickte Okayo, dann sagte sie weiter: "Furchtbar - - sein Gesicht." Den Schluß verschluckte sie in der Kehle. Seit sie wieder zu Hause war, lag sie apathisch auf ihren Kissen.
" Ach was, in einem Jahr ist er wieder gesund zurück, es war doch nur der Versuch zu einem Attentat. " Takae wollte die Schwester aufheitern. Aber Hagimura schwieg. "Hat die Gesellschaft die Fabrik wieder aufgemacht?" Takae nickte und fragte dann: "Hat man dir auch deine Entlassung mitgeteilt?" Sie nahm vom leeren Bücherschrank zwei Postkarten und zeigte sie ihm. Der kranke Vater seufzte tief auf. "Haha... entlassen auf Grund der Fabrikordnung... na... nein, ich habe nichts bekommen. "
Er besah die andere Seite der Karte und sagte:
" Die Hunde, sie denken, daß sie mich nicht erst besonders benachrichtigen brauchen. " Er lachte laut, aber dabei schnitt wieder ein heftiger Schmerz durch seinen Kopf.
" Nun, ich werde mal zum Streikbüro gehen." Er sorgte sich ständig um die Streikleitung, die nach dem Sturm auf die Oji-Papierfabrik immer kleiner wurde, die meisten Genossen waren fortwährend in Haft. "Geh' lieber nicht, wenn du unterwegs mit den Banditen zusammentriffst, ist diesmal Schluß mit dir."
Er ging langsam, die Strohsandalen schleppend, nach draußen, in der Tür drehte er sich um und lachte-
" Oh, ich bin ja so schon halb tot, vielleicht ist es besser, wenn sie mich ganz totschlagen. "
Zum Streikleitungsbüro unter dem Haksuan-Abhang war es nur einige 100 Meter. Diese Gegend hier war ganz in der Macht der Streikenden und deshalb auch für ihn sicher.
" Die Gesellschaft hat durch Zeitungsanzeigen wieder Arbeiter eingestellt".... Takaes Worte fielen ihm beim Gehen ein, als er einige unbekannte Arbeiter, die wie Drucker aussahen, in Begleitung von Streckern in das Büro gehen sah.
" Hallo, hallo, Hagimura, wieder gesund - - " Einige Genossen, die sich hier zu schaffen machten, sammelten sich um ihn. "Och nee, du bist nicht gestorben", schrie Ando, der seinen Kopf aus einem Fenster in der ersten Etage heraussteckte. Er arbeitete als Hagimuras Vertreter.
" Was schwatze ich,so einfach stirbt man doch nicht. " Bei Andos rauhem und ehrlichem Ton mußte er nun wirklich lachen, wie seit langem nicht.
" Aber schade, wenn du gestorben wärst, hätten wir dich geehrt wie Liebknecht", sagte Ando, während er Berichte und Bücher ordnete. Die Anwesenden lachten laut und herzlich über die liebevolle Grobheit. "Aber kannst du wirklich schon weder herumlaufen?" "Natürlich. " Hagimura las die Präsenztafel, die Berichte der Abwehrabteilung und der Gruppenzellen. Alle Blätter und Berichte deuteten auf eine große Veränderung. Während dieser letzten zehn Tage, an denen er im Bett lag, hatte sich die Lage der Streikenden zusehends verschlechtert.
Im Büro war keiner von der höchsten Leitung, nur vier oder fünf junge Leute arbeiteten in diesem kritischen Augenblick. "Ando, was sind das für Leute, die ich nicht kenne?" "Die machen mir Kummer, das sind Streikbrecher, die auf das Inserat hin in die Fabrik gegangen sind. Wir haben abgefangen und auf sie eingeredet, aber sie verstehen uns gar nicht", sagte Ando, die Berichte in den Händen.
" Du kannst doch recht geschickt sprechen, versuch' du es doch mal mit ihnen. Matsumoto und Kuroiva sind auch gerade dabei. Es werden jetzt schon immer mehr Streikbrecher. Sie machen mit ihren Redensarten die beiden ganz verrückt. "
Wirklich mußten ja die Streikenden alle Hoffnung verlieren, wenn immer mehr Arbeitswillige in die Fabrik gingen.
Von unten hörte man deutlich die laute Stimme Kuroivas. Hagimura wollte erst die Lage erkunden und stieg die Treppe herab. Unten waren zwei Zimmer voll von Streikbrechern. An einem kleinen Tisch in der Ecke sprachen Kuroiva und der blasse Matsumoto aufgeregt auf die Männer ein und versuchten ihnen die Lage zu erklären. "Dieser Streik geht noch weiter; er fängt erst jetzt wirklich an. Die Gesellschaft erklärt, daß sie uns entlassen hat, aber wir haben die Entlassung gar nicht angenommen, wie können wir mit solcher unvorschriftsmäßigen Entlassung einverstanden sein", schrie Kuroiva, sich auf den Tisch stützend. Aber es blieb ohne Wirkung. "Wir haben im Büro gehört, daß das Entlassungsgeld den Leuten durch Postanweisung zugeschickt worden ist", sagte ein Arbeiter, der an der Säule lehnte, sah seine Kollegen an und fuhr fort: "Es hat keinen Zweck, wir sind nicht hierher gekommen, um ins Streikbüro zu gehen, wir wollen zur Gesellschaft und arbeiten. " Dreißig, vierzig Köpfe nickten ihm zu. "Jawohl, das ist ja lächerlich, laß uns schon gehen." Es waren alles undisziplinierte, unorganisierte Arbeiter, außerdem standen hier ihre eigenen Interessen mit denen der Streikenden in direktem Widerspruch.
" Laßt euch doch nicht betrügen! Jetzt will die Gesellschaft euch einstellen, und wenn der Streik zu Ende ist, wird sie euch wieder fortjagen. " Kuroiva erhitzte sich, aber sie blieben ganz gleichgültig und
kalt.
" Ach, wir sind zufrieden, wenn wir solange Arbeit haben, bis wir wieder rausgejagt werden, wir sind ja bescheiden."
Sie hatten keine Spur von Klassenbewußtsein und dachten nur an ihr eigenes Interesse. Sie wurden immer hartnäckiger. Der Arbeiter, der eben geredet hatte, schrie wieder: "In der Frühe sind wir hierher gekommen, um zu arbeiten, wenn wir jetzt noch lange hier herumreden, werden wir überhaupt nicht mehr eingestellt. "
Diese Erwerbslosen waren auf jeden Fall zufrieden, wenn sie nur Arbeit bekamen.
Je mehr Arbeitswillige zur Streikleitung gebracht wurden, desto hartnackiger wurden sie und drängten, wieder fortzukommen und sich nicht länger ihre Arbeit nehmen zu lassen. Da kamen noch einige, von einem Streikposten begleitet. "Hallo, noch ein paar, erkläre den Brüdern damit sie ein Einsehen haben!" Er ging gleich wieder fort.
In den Morgenzeitungen war die erste Annonce erschienen, und jetzt, zur Mittagszeit, war die Masse der Arbeitswilligen schon nicht mehr zu zählen. Die Streikposten kämpften mit aller Kraft gegen die Schutzkette der Gesellschaft und der Polizei, sie boten alle List auf, um die Streikbrecher abzufangen.
" Kollegen, denkt daran, wie schwer wir bis jetzt gekämpft haben - und wie es mit uns werden soll, wenn ihr die Arbeit aufnehmt - -". Kuroiva starrte mit geröteten Augen auf den Mann an der Säule, der sich am hartnäckigsten wiedersetzte.
" Aber Kollege", sagte ein alter fünfzigjähriger, verhungerter Mann, der neben Kuroiva saß, und hob seine Hand, "ich habe auch nicht zum Spaß meinen Beutel um und um gedreht, um von Fukagawa bis hierher mit der Elektrischen fahren zu können. Ich bin schön ein halbes Jahr ohne Arbeit. Frau und Kinder sind schon ganz vertrocknet. Wenn ich jetzt keine Arbeit bekomme, kann ich das Jahresende nicht überleben. So geht das nicht weiter. " Er zog seine Pelerine fester um sich. "Ich bin schon seit einem Jahr erwerbslos", kam eine Stimme aus den hintersten Reihen.
" Macht keinen Quatsch, laßt uns ruhig an die Arbeit gehen." "Wir machen das nicht zu unserm Vergnügen, wir stehen auf der Grenze zwischen Leben und Verhungern."
" Wirklich, mir ist das schon alles Jacke wie Hose - ne, nicht wenn ihr droht, erst recht nicht, laßt uns in Frieden."
Die Stimmung wurde immer verzweifelter, die Streikbrecher begannen zu lärmen und fühlten sich immer sicherer. Da fuhr Kuroiva auf und brüllte:
" Also, ihr wollt uns verraten, wollt Streikbrecher machen -". Hagimura wollte sich zu ihm durchdrängen, aber die Menschen standen dicht wie eine Mauer.
" Was heißt verraten -!" Mitten in der Menge reckte sich plötzlich ein junger Mann auf, der wie ein Werkstudent aussah, und ging dicht an Kuroiva heran. "Warum sollen wir Verräter sein, was habe ich mit euch überhaupt zu tun? Wenn ich in der Fabrik arbeite, ist es mein fester Wille, mein Recht, das das bürgerliche Gesetz schützt - was seid ihr für Dummköpfe! "
Der kleine Werkstudent glaubte die Streikenden durch seine Worte niedergetrumpft zu haben.
" Richtig, wer streikt, streikt, und wir tun, was wir wollen!" Die Erwerbslosen standen. Da sprang Kuroiva vor, in die Erwerbslosen herein: "Du Lump!", und schlug dem Werkstudenten mit der Faust ins Gesicht, daß der das Gleichgewicht verlor und lang hinschlug. Ein ungeheurer Tumult entstand. Durch den Lärm alarmiert, kamen die Genossen von oben herunter, von außen umstellten die Streikposten das Zimmer.
" Warte doch!" Hagimura drängte sich zu Kuroiva und Matsumoto. "Kollegen, ihr könnt ja gehen, wenn ihr wollt, aber erst seid mal ruhig, ich möchte auch etwas sagen!"
" Na, sag schon!" "Das ist doch keine Sache, gleich zu schlagen!" - aber sie beruhigten sich schnell, weil sie jetzt fortkommen sollten. "Ihr könnt natürlich gehen, aber mir scheint, ihr habt gar nicht verstanden, was bis jetzt geredet worden ist. Deshalb hört erst einmal zu, was ich euch zu sagen habe, nachher könnt ihr meinetwegen fortgehen, Hagimura trat hinter den Tisch.
" Gut, wir hören zu, aber dann laßt uns in Frieden gehen!" Die Leute beruhigten sich schnell und setzten sich wieder. "Ich kenne doch selbst die meisten von euch, es ist nicht schön, man muß es vermeiden, sich unter Kollegen zu zanken; wir haben doch alle denselben Beruf -"
" Natürlich! - Selbstverständlich!" riefen die Leute, die noch in Aufregung waren.
" Jawohl ja, selbstverständlich", sagte Hagimura und sah zu den Rufenden hin. "Genauso wie ihr durch die lange Arbeitslosigkeit leidet, haben wir durch diesen siebzig Tage dauernden Streik gelitten; da ist es bestimmt nicht richtig, wenn wir, die dasselbe zu leiden haben, uns in den Haaren liegen und zanken."
Seine witzige Schlußfolgerung machte die Stimmung der Leute zugänglicher.
" Wir sind Brüder und müssen selbstverständlich erreichen, daß es allen gut geht. Aber wenn ihr Arbeit nehmt, verlieren wir. " Hagimura sah, daß der Werkstudent das Zimmer verlassen wollte, er wischte sich das Blut von der Nase.
" Hallo, wart' doch mal einen Augenblick - sag' mir mal, wie denkst du denn darüber?"
Der Student versteckte sich wieder hinter den Rücken, weil alle Blicke auf ihn Ger waren.
" Wir Streikenden sind nicht etwa neidisch darauf, daß ihr Arbeit bekommt, wir wollen euch absolut nicht davon abhalten; aber ihr müßt verstehen, wie Kollege Kuroiva euch schon erzählt hat, daß dieser Streik ausgebrochen ist, weil achtunddreißig Arbeiter aus der Schriftgießerei entlassen wurden - wenn wir nun so denken, du bist du und ich bin ich, wie der Mann da im schwarzen Mantel gesagt hat, dann brauchten wir jetzt nicht unter dem kalten Himmel mit hungrigem Bauch zu sitzen... " Hagimura redete weiter und vergaß ganz, wie ihn der Kopf schmerzte. "Aber ihr müßt als Arbeiter auch einsehen, was das heißt, daß hier dreißigtausend Menschen auf Leben und Tod für diese achtunddreißig kämpfen, versteht ihr nicht diesen unerhörten Mut, begreift ihr nicht diese Macht...?" Hagimura hob seine Stimme, die Erwerbslosen saßen schweigend mit gesenkten Köpfen. Da holte Matsumoto die alte Gewerkschaftsfahne herunter.
" Kollegen, hebt die Köpfe auf und schaut auf diese Fahne! Diese Fahne ist das Symbol der dreitausend Streikenden - der Geist der Opfer in den Gefängnissen! Die Qualen der verstorbenen Genossen, die Schreie der wahnsinnig gewordenen Frauen, all das ist eingedrungen, eingewebt in das rote Tuch!"
Die Fahne hing schwer herab. Das Tuch war von vielen Flecken gefärbt. Jeder Fleck hatte einen tiefen Sinn. Die Männer saßen mit gesenkten Köpfen.
" Kollegen, Genossen, ich möchte genau wissen, ob ihr mich verstanden habt. Hier steht unsere Fahne, unsere rote Fahne - ihr, die ihr mich nicht verstanden habt, geht über diese Fahne, zertretet diese Fahne und geht, geht, ganz gleich, ob in die Fabrik oder irgendwo anders hin..!'
Den Männern stieg es heiß die Kehle hoch, einige husteten kurz, aber keiner wagte sich zu bewegen.


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