Mein Oma, deine Oma, unsere Oma ...



 

 

 

 

Die Oma drückte fest auf die Klingel neben unserer Woh­nungstür. Wir haben eine sehr laute Klingel.

 Ich hörte den Oliver rufen: „Es klingelt, ich lauf aufma­chen!"

Ich hörte auch die Stimme der Tatjana: „Ich will aufmachen, ich!"

Dann hörte ich Schritte. Es waren die Schritte der Amtsrätin. Die Schritte kamen zur Tür.

„Die Mutter vom Kurt", flüsterte ich.

Die Amtsrätin machte die Tür auf.

 „GutenTag", sagte die Oma.

Die Amtsrätin schaute verwirrt drein. Sie kennt die Oma nicht. Der Oliver und die Tatjana standen hinter der Amts­rätin.

„Wer ist das?", fragte er und zeigte auf die Oma.

 „Ich bin die Oma von der Erika und der Ilse", sagte die Oma.

 „Wer ist denn gekommen?", rief die Mama. Sie rief aus dem Bad.

„Die Erika und die Frau Janda sind hier", sagte die Amtsrä­tin.

Aus dem Badezimmer hörte man sonderbare Geräusche. Die Mama musste sehr schnell aus der Wanne gestiegen sein und das Wasser schwappte wahrscheinlich in der Ba­dewanne herum.

„Ich komme sofort", rief die Mama.

 Die Amtsrätin sagte zur Oma: „Wollen Sie bitte ablegen?"

Die Oma zog ihren Mantel aus und hängte ihn an einen Haken. Ich hängte meinen daneben.

„Kommen Sie weiter", sagte die Amtsrätin. Sie sah noch immer verwirrt aus.

Wir gingen hinter der Amtsrätin her ins Wohnzimmer. Wir setzten uns auf die Couch. Ich saß dicht neben der Oma, und wenn es mir nicht so dumm vorgekommen wäre, dann hätte ich der Oma die Hand gegeben, damit sie die Hand festhält.

Der Oliver und die Tatjana standen bei der Wohnzimmertür und schauten neugierig zu uns her.

„Geht spielen", sagte die Amtsrätin.

Der Oliver schüttelte den Kopf. Die Tatjana sagte: „Nein!" Die Tatjana kam langsam und zögernd zu uns. Sie zeigte auf die Amtsrätin und dann auf die Oma und sagte:

„Das ist meine Oma und das ist die Oma von der Erika!"

Die Oma nickte.

„Es gibt noch eine Oma", rief der Oliver. „Die Oma von der Mama. Aber mit der sind wir bös! Die ist blöd!"

 „Oliver", rief die Amtsrätin.

 Der Kopf vom Oliver ver­schwand.

Ich hörte ihn in der Diele kichern. Dann hörte ich die Mama zum Oliver sagen: „Sei brav, ärgere deine Oma nicht!"

Und dann kam die Mama ins Wohnzimmer. Sie hatte den Bademantel an. Ihre Haare waren nass. Und ihr Gesicht war nackt. Ohne Make-up und Lippenstift und falsche Wim­pern.

Sie zog einen Stuhl vom Esstisch zur Couch, setzte sich und fragte mich: „Wieso bist du nicht in der Schule?"

 „Wegen der Ilse", sagte ich. Ich hatte wieder die Wald­mausstimme. Die Mama zündete sich eine Zigarette an. Ihre Finger zitterten.

„Was hat sie gesagt?" Die Amtsrätin beugte sich zu mir. Sie ist eine bisschen schwerhörig. Sie hatte meine Waldmaus­stimme nicht verstanden.

„Wegen ihrer Schwester", brüllte die Oma, in der Lautstдä­ke, in der sie zum Opa spricht. Die Amtsrätin zuckte er­schrocken zusammen.

„Was ist mit der Ilse?" Die Mama hatte auch eine Waldmaus­stimme. Die Oma stupste mich in die Rippen. Sie wollte, dass ich rede.

Ich schaute die Oma an. Ich wollte, dass sie redet.

 „So sagt doch schon!", rief die Mama. „Was ist mit der Ilse?"

 Die Oma sagte: „Wenn eine Karte aus Florenz zwei Tage braucht, dann kann man zumindest sagen, dass es ihr vor zwei Tagen noch gut gegangen ist!"

Die Mama lehnte sich im Stuhl zurück. Sie schloss die Augen. Sie gab einen halben Seufzer von sich. Dann gab sie den zweiten Teil des Seufzers von sich. Und die Zigarette in ihrer Hand zitterte nicht mehr.

„Sie hat Ihnen eine Karte geschrieben?", fragte die Amtsrätin.

„Nein", sagte die Oma.

„Wem hat sie die Karte geschrieben?", forschte die Amtsrätin.

„Sie hat überhaupt keine Karte geschrieben", sagte die Oma.

„Was reden Sie denn da daher?" Die Amtsrätin schüttelte den Kopf.

Die Mama hatte die Augen noch immer geschlossen. An ihrer Zigarette war schon viel Asche. Ich stand auf und holte einen Aschenbecher vom Fensterbrett und stellte ihn der Mama auf den Schoß.

Die Mama machte die Augen auf. Sie streifte die Asche von der Zigarette. Sie sagte: „Hauptsache, sie lebt! Hauptsache, sie kommt wieder!"

 Die Oma nickte.

„Und wie ist das jetzt mit der Karte?", fragte die Amtsrätin.

„Das weiß die Erika besser als ich", sagte die Oma. Sie woll­te noch etwas sagen, doch die Amtsrätin rief empört: „Also, da hat das Kind die ganze Zeit etwas gewusst und nichts gesagt!"

„Nichts hat sie gewusst", schrie die Oma. „Sie hat es heraus­bekommen! "

„Und dann erzählt sie es zuerst Ihnen, das ist doch ..."

Weiter kam sie nicht, denn die Mama sagte: „Lass doch bitte die Oma reden!"

Sie sagte wirklich: die Oma! Nicht: die alte Janda. Und nicht: die Frau Janda.

Ich weiß nicht, ob es die Oma merkte und ob es die Mama selber merkte, die Amtsrätin merkte das Wort „Oma". Und es störte sie. Sie machte ganz dünne Lippen.

 Die Oma sagte: „Also die Erika und ein Freund von ihr haben herausgefunden, dass die Ilse in Florenz ist."

„Allein?", fragte die Mama.

„Natürlich nicht", sagte die Oma. „Sie ist mit einem jungen Herrn in seinem Auto gefahren!" Sie sagte das so, als ob das ganz selbstverständlich wäre, dass man mit einem jungen Herrn im Auto ins Ausland fährt.

„Autostopp?", fragte die Mama. Die Mama ist gegen Auto­stoppen, aber ich glaube, jetzt hätte sie recht gern gehört, dass die Ilse per Autostopp unterwegs war.

 Die Oma blickte die Mama so starr an, als wollte sie sie hypnotisieren. „Der junge Mann dürfte ihr Freund sein. Ihr ..." Die Oma schwieg einen Augenblick. „Um es beim richtigen Namen zu nennen, ihr Geliebter!"

 Ich schielte zur Amtsrätin. Die machte noch immer dünne Lippen.

Die Tatjana hockte auf dem Teppich neben der Amtsrätin. „Ge-lieb-ter", sagte sie, und dann wieder: „Ge-lieb-ter".

 Das Wort war neu für sie. Anscheinend fand sie es schön. „Erika, bring das Kind hinaus, das ist nichts für das Kind", zischte mir die Amtsrätin zu.

Wenn die Tatjana merkt, dass man sie irgendwo nicht haben will, dann bleibt sie erst recht. Sie kletterte auf die Couch hinauf, setzte sich neben die Oma, legte ihre Hände genau­so in den Schoß wie die Oma und rief: „Tatjana bleibt hier! Tatjana geht nicht weg!"

Die Mama drückte ihre Zigarette im Aschenbecher aus und holte eine neue aus der Schachtel.

„Rauch nicht ununterbrochen", sagte die Amtsrätin. Die Mama steckte die Zigarette wieder in die Schachtel hinein. Ich bekam einen Niesanfall. „Das Kind hat sich erkältet", sagte die Amtsrätin.

Ich musste wieder niesen.

„Eine Gänsehaut hat sie auch", sagte die Amtsrätin.

 Die Mama zuckte zusammen „Wer?", fragte sie. „Wer hat eine Gänsehaut?"

Die Amtsrätin zeigte auf mich. „Sie hat sich erkältet!"

 „Ach so." Die Mama war an meiner Gänsehaut nicht inter­essiert.

„Was heißt: Ach so!", ärgerte sich die Amtsrätin. „Sie braucht zu allem Ärger dazu nicht auch noch die Grippe bekom­men!"

„Erika, zieh dir etwas anderes an", sagte die Oma.

 „Und trockne dir die Haare", rief mir die Amtsrätin nach, als ich aus dem Zimmer ging.

 

Der Oliver lauerte noch immer hinter der Tür in der Diele.

„Kommt jetzt die Ilse zurück?", fragte er mich.

Ich ging in mein Zimmer und zog mich um. Der Oliver kam mit mir.

„Ist deine Oma lieb?", fragte er. „Kann deine Oma auch

meine Oma sein? Hat die auch einen Opa? Ist der Opa auch

lieb?"

Ich nieste, und zwischen den Niesern sagte ich ein paarmal ,Ja,ja".

 

Als ich ins Wohnzimmer zurück kam, saßen dort nur die Amtsrätin und die Oma. Die Mama war im Schlafzimmer und zog sich an.

„Wo geht sie denn hin?", fragte ich die Oma.

„Zum Wirt", antwortete die Oma.

Und die Amtsrätin meinte, sie wolle sich ja nicht einmi­schen, aber es wäre besser, zur Polizei zu gehen!

„Dazu ist ja nachher immer noch Zeit", sagte die Oma.

Die Mama war erstaunlich schnell angezogen. Sonst braucht sie zehnmal so lange. Während sie in den Mantel schlüpfte und meine rote Wollmütze aufsetzte und aller­hand in die Handtasche stopfte, murmelte sie ein paarmal: „Ich komme bald zurück, ich beeile mich, ich bin bald wieder da!"

„Soll ich dich begleiten?", fragte die Amtsrätin.

Die Mama machte so ein erschrockenes Gesicht, dass die Amtsrätin merkte, dass sie als Begleitperson nicht er­wünscht war.

 

Wortschatzerklärungen

° mein Oma = die Personalendung –e füllt meist beim Sprechen weg : meine Oma

° kichern = lachen

° starr = hart, konzentriert

° lauern = heimlich, unbemerkt auf j-n warten

 

 

Aufgaben nach dem Lesen

 

 

1. Was haltet ihr vom Verhalten aller Frauen in der Situation ?

a) der Oma

b) der Mutter

c) der Amtsrätin

 

2. Zu wem ist sich die alte Janda verwandelt ? Ist es absichtlich oder zufällig geworden ? Wer hat das bemerkt ?

 

3.  Erzählt das Kapitel in Rollen ( die Mutter, die Oma, Erika, jьngere Geschwister, die Amtsrätin) nach !

 

 

4. Warum bleibt Erika die treibende Kraft, die das Erzähl- und Handlungsgeschehen vorantreibt ?

 

5.  Wie findet ihr den Beschluss der Frauen zum Wirt zu gehen ? Lohnt es sich ? Was werdet ihr selber in solcher Lage unternehmen ?

 

 

6. Bildet bitte Hypothesen nach vorne !

Gibt es etwas, was ihr jetzt nach dem Ende des Kapitels gerne wissen möchtet ? Schreibt bitte eure Fragen ins Arbeitsheft !

 

Kapitel 19

 

Aufgaben vor dem Lesen

 

 

1. Lest bitte zuerst den ersten Absatz.

 Was könnt ihr zu den vielen und…..und….. und hinzufügen ? Schreibt eure Ideen ins Arbeitsheft auf !

 

2. Lest das 19. Kapitel ohne Wörterbuch.

 

Die Oma sagt ihre Meinung und mir brummt (гудит) der Schädel (череп) (=голова раскалывается)

Kaum war die Mama weggegangen, hielt die Amtsrätin der Oma eine Ansprache. Sie redete über die Ilse. Sie sagte, die Ilse habe doch alles gehabt, was sich ein Mädchen nur wünschen kann! Ein ordentliches Heim, eine Mutter ohne Beruf, keine Geldschwierigkeiten, einen gütigen, allzu gütigen Stiefvater ... und ... und ... und ...

 

Aber leider, sagte sie, habe die Mama versäumt, der Ilse die wichtigsten Dinge im Leben beizubringen. Ich habe nicht alles behalten, was die Mama der Ilse beizubringen verges­sen hat. Ich weiß nur noch, dass Unterordnung, Beschei­denheit, Gehorsam, Pünktlichkeit und Moral dabei waren. Die Oma hörte sich das an und massierte ihre Nase. Und die Tatjana, die neben der Oma saß, griff sich auch an die Nase und versuchte, die Handbewegung der Oma nachzu­machen. Und ich nieste wieder. Und der Oliver stand bei der Tür und fragte in kurzen Abständen: „Wann kommt denn die Mama wieder?" Zum Abschluss ihrer Ansprache fragte die Amtsrätin die Oma:

„Und wie sehen Sie den Fall?"

Die Oma ließ ihre Nase los. „Hören Sie einmal", rief sie. „Das ist kein Fall! Das ist die Ilse. Und die ist mein Enkel­kind! Und der Ilse ist es nicht gut gegangen, sondern schlecht! Und der Erika ..." Sie stach mir den Zeigefinger in den Bauch, als wollte sie mich aufspießen (наколоть). „Der Erika geht es auch nicht gut. Aber die Erika ist anders, die hält mehr aus!"

„Und was bitte", fragte die Amtsrätin hoheitsvoll, „hat der Ilse gefehlt, außer einer ordentlichen Tracht Prügel hin und wieder?"

Die Oma wurde rot im Gesicht. Ich merkte, dass sie sehr wütend war. Sie holte tief Luft, dann legte sie los. „Die Ilse ist von ihrer Mutter viel zu oft geschlagen worden! Und nicht zu wenig! Und im Übrigen haben ihr all die schönen Sachen gefehlt, die Sie vorher aufgezählt haben!"

 Die Amtsrätin wollte die Oma unterbrechen, aber die Oma fauchte: Jetzt rede ich! Sie haben lange genug Unsinn geredet! Weil man täglich ein Mittagessen kriegt, hat man noch lange keine Mutter, die für einen sorgt. Und wenn man sechs oder sieben Zimmer hat, hat man noch lange kein Heim! Und wenn sich der Stiefvater um einen nicht schert, dann ist das keine Güte!"

 „Aber ..." rief die Amtsrätin.

„Nix aber!", sagte die Oma. „Ihre Schwiegertochter, meine ehemalige Schwiegertochter, die hätte überhaupt keine Kinder kriegen sollen! Und dann kriegt sie vier! Der helle Wahnsinn!"

„Wie können Sie das behaupten?", rief die Amtsrätin.

 „Weil es wahr ist!", rief die Oma. „Zuerst heiratet sie und kriegt Kinder, weil man eben Kinder bekommt. Dann kom­men Schwierigkeiten und die hält sie nicht aus. Und da lässt man sich eben scheiden. Ob das die Kinder wollen, danach hat sie nicht gefragt. Und dann kommen die Kinder zu mir. Und da bleiben sie zwei Jahre. Und dann kommt sie eines Tages und sagt, jetzt heiratet sie wieder, jetzt müssen die Kinder weg von mir. Ob das die Kinder wollen, fragt sie wieder nicht. Nein, die haben einfach brav zu sein und damit basta!" Die Oma war jetzt richtig aufgeregt. „Und das waren auch brave Kinder! Nie habe ich Probleme mit ihnen gehabt, solange sie bei mir waren!"

 

Jetzt war die Oma erschöpft und die Amtsrätin konnte sie unterbrechen. „Na schön", sagte sie. „Sie mögen ja Recht haben. Nach Scheidungen gibt es mit den Kindern immer Schwierigkeiten, aber das ist doch kein Grund, dass man viele Jahre später mit dem Bruder eines Wirts davonläuft!" „Sie hat einen gesucht, der sie wirklich gern hat", sagte die Oma. „So ist das!"

„Na, da hat sie sich ja den Richtigen ausgesucht!", rief die Amtsrätin.

„Hat sie nicht", rief die Oma. „Wie hätte sie denn das kön­nen? Wenn man fünfzehn Jahre alt ist, kann man das nicht. Und jemanden, den sie um Rat hätte fragen können, hat sie ja nicht gehabt!"

Ich nieste und die Amtsrätin schwieg. Die Oma sagte auch nichts mehr. So hockten wir da und warteten auf die Mama. Sogar die Tatjana hielt den Mund. Sie kuschelte sich an die Hüfte der Oma. Die Amtsrätin nahm das mit ver­grämtem Blick zur Kenntnis.

 

Ich stand auf und ging in mein Zimmer. Mir war schwindlig. Und mein Kopf brummte. Ich zog mich aus und legte mich ins Bett. Die Mama kam nicht allein zurück, sie kam mit dem Kurt. Den hatte sie vom Wirt aus angerufen und er war in die GOLDENE GANS gefahren. In der GOLDENEN GANS war anscheinend ziemlich viel telefoniert worden, denn die Mama erzählte der Oma und der Amtsrätin dau­ernd vom Telefonieren.

„Dann haben wir einen Freund von diesem Erwin in Vene­dig angerufen und der hat uns die Telefonnummer von einem Freund in Florenz gegeben ..."

 „Dann haben wir diese Nummer in Florenz angerufen und der Mann hat uns zuerst das falsche Hotel genannt..."

 „Aber dann haben wir noch einmal bei ihm angerufen und da haben wir das richtige Hotel erfahren ..."

„Und dann war aber dieser Erwin nicht im Hotel..."

„Und dann hat der Wirt dort angerufen und sagen lassen, es sei wahnsinnig wichtig, sein Bruder soll sofort daheim anrufen ..."

Ganz genau bekam ich nicht mit, was die Mama erzählte, weil ich ja im Bett lag und weil mein Kopf so weh tat.

Immer wenn ich mich aufrichten wollte, um besser zuhören zu können, spürte ich hinter der Stirn einen stechenden Schmerz.

Ich hörte nur noch, dass die Mama und der Kurt und der Wirt dann auf einen Anruf vom Bruder gewartet hatten. Und dass der dann wirklich angerufen hatte.

Da hielt ich es im Bett, trotz der Kopfschmerzen, nicht mehr aus. Ich wankte ins Wohnzimmer hinüber. Ich lehnte mich an die offene Tür und hielt meinen armen Schädel mit beiden Händen.

Der Kurt sagte zur Oma: „Der Kerl hat gesagt, dass er keine Ahnung hatte, dass die Ilse noch nicht sechzehn Jahre alt ist. Der Wirt hat auch gedacht, sie sei schon siebzehn Jahre vorbei. Angeblich hat sie ihnen auch erzählt, dass sie bei einer alten, tauben Tante wohnt. Und im Sommer Abitur macht. Und dass ihre Eltern in Tirol leben!"

„Warum sollte sie so einen Unsinn erzählt haben!", rief die

Mama.

„Damit er sie liebt", sagte die Oma. „Damit er sie mitnimmt!

So ein junger Mann, dazu noch mit Geld, der ist doch nicht so dumm, dass er sich mit einer Minderjährigen einlässt!"

Die Oma lachte böse. „So einer, der sagt doch nein danke, wenn er die Wahrheit hört. Der kann doch genauso eine schöne, dumme Puppe kriegen, die über sechzehn ist.

Eine, mit der er keine Probleme kriegt!"

 

Dann merkte die Oma, dass ich bei der Tür stand. Sie schimpfte mich aus, weil ich mit Fieber und ohne Haus­schuhe da herumstand. Ich wanderte ins Bett zurück und taumelte dabei ziemlich. Mir kam es so vor, als wäre mein Bett ein Boot und der Fußboden darunter ein See mit ho­hen Wellen. Ich hatte Mühe, über die hohen Wellen zum Boot zu kommen. Als ich das endlich geschafft hatte, war ich so erschöpft, dass ich einschlief.

 

Wortschatzerklärungen

 

° eine Ansprache halten = mit j-m sprechen

° hoheitsvoll = von oben herab

° eine Tracht Prügel j-m geben = j-n schlagen

° sich scheren = sich kümmern, sorgen, pflegen

° sich kuscheln = es sich bequem machen

° taumeln = schwanken, nicht fest gehen

° erschöpft sein = total müde, kraftlos sein

 

 

Aufgaben nach dem Lesen

 

1. Was gehört eurer Meinung nach zum glücklichen Leben eines Mädchens bzw. eines Jungen ?

Stützt euch bei der Antwort auf eure Arbeitshefte.

War Ilse nicht glücklich ? Und Erika ? Sowie Oliver und Tatjana ?

 

2. In diesem Kapitel tritt häufig das Wort „ Ordnung „ auf. Ordnung ist das halbe Leben, aber was hat das mit der Kindererziehung zu tun ?

 

3.  Teilt ihr die Einstellungen der Oma über die Mutter von Erika und Ilse ? Hören sich diese euch nicht furchtbar an ?

 

 

4.  Welche Information über Ilse bekommt man in diesem Kapitel ? Hilft sie verstehen, warum Ilse von zu Hause weggelaufen war ?

 

5.  Inszeniert das Gespräch zwischen zwei Omas!

 

 

6. Bildet bitte Hypothesen nach vorne !

Gibt es etwas, was ihr jetzt nach dem Ende des Kapitels gerne wissen möchtet ? Schreibt bitte eure Fragen ins Arbeitsheft !

 

 

Kapitel 20

 

Aufgaben vor dem Lesen

 

1.   Lest das 20. Kapitel ohne Wörterbuch.

 

2. Sucht mögliche Antworten auf die Frage : Spürt man schon sich in der Luft ausbreitende Veränderungen in Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern ?

Beweist das mit den Textstellen in eurem Arbeitsheft !

 

 

Grießbrei und Lob

Lange konnte ich nicht schlafen. Der Oliver weckte mich auf und teilte mir mit, dass er sich zu Weihnachten eine schwarze Katze wünscht.

„Die kriegst du garantiert nicht", sagte ich. „Die Mama will doch keine Tiere."

„Aber wenn das Christkind eine bringt", rief der Oliver, „kann die Mama nichts dagegen tun!"

Ich gab ihm keine Antwort. Er zog an meiner Decke. „So sag doch, ob die Mama etwas gegen das Christkind tun kann?", rief der Oliver.

„Lass mich in Ruhe mit deinem Christkind", murmelte ich.

 Der Oliver kletterte auf meinen Bauch und boxte in ihn hinein.

„Ich krieg aber doch eine Katze", rief er bei jedem Boxhieb.

 „Frag die Mama", sagte ich. „Oder den Kurt! Wirst ja mer­ken, dass die nicht wollen!"

Der Oliver sagte, die Mama und den Papa könne er nicht fragen, die seien nicht da. „Deine Oma ist auch nicht mehr da", rief er. „Alle sind sie weg! Nur meine Oma ist da!"

„Wo sind sie denn hin?", fragte ich.

„Deine Oma ist heimgegangen", sagte der Oliver. „Und der Papa und die Mama sind weit weggefahren. Sehr weit weg!"

Der Oliver freute sich, dass er endlich einmal mehr wusste als ich.

„Was haben sie denn gesagt, als sie weg sind?", fragte ich.

„Dass wir schön brav sein und der Oma folgen sollen", sagte der Oliver. Ich musste niesen und hinterher husten.

Die Amtsrätin wurde vom Niesen und Husten angelockt. Sie kam ins Zimmer. Zuerst holte sie den Oliver von mei­nem Bauch, dann brachte sie mir eine Tasse Tee, dann steckte sie ein Thermometer unter meine Achsel, dann setzte sie sich auf den Stuhl vor meinem Schreibtisch.

 Ich fühlte mich trostlos. Krank und der alten Schachtel aus­geliefert!

Ich schloss die Augen und tat, als schliefe ich. „Bis morgen werden wir miteinander auskommen müs­sen", sagte die Amtsrätin. „Oder bis übermorgen! Deine Mutter und der Kurt sind nach Italien gefahren. Die Ilse holen!"

Ich machte die Augen nicht auf.

Die Amtsrätin kam zu meinem Bett und zog das Thermo­meter aus meinem Nachthemd. „Na ja", murmelte sie.„Achtunddreißig drei." Ich rührte mich nicht.

 „Hast du Halsweh?", fragte sie.                          

Ich rührte mich wieder nicht.

 „Sie schläft", sagte der Oliver.

„Sie schläft überhaupt nicht", sagte die Amtsrätin und ging aus dem Zimmer. Den Oliver nahm sie mit.

 Ich drehte mich zur Wand. Ich zog mir die Decke bis zu den Augen hinauf. Ich starrte auf das Stück Wand vor meinem Gesicht. Rosa Wand mit grauen Schmutzflecken! Ich merk­te, dass ich Angst hatte.

Angst vor der Ilse! Ich hatte Angst, dass sie auf mich böse sein wird! Dass sie sagen wird: Du bist schuld daran, dass sie mich geholt haben! Dass sie sagen wird, ich habe mich in ihre Angelegenheiten gemischt und dass die mich einen Dreck angehen! Und sie wird mich gar nicht mehr mögen! Und wenn sie wirklich in ein Internat kommt, dann wird sie glauben, dass ich schuld daran bin!

 Ich wünschte mir, ein Murmeltier (сурок) zu sein. Dann hätte ich einen Winterschlaf halten können. Ich versuchte, mich in ein Murmeltier zu verwandeln. Es gelang mir auch, wieder einzuschlafen, aber nicht für lange Zeit. Für ein Murmeltier war es in der Wohnung zu laut. Der Oliver sang, das Telefon klingelte, die Tatjana kreischte. Und dann kam die Amtsrät­in herein und hatte einen Teller Grießbrei, stellte den auf meinen Nachttisch und sagte: „Iss! Du brauchst etwas War­mes in den Magen!"

Ich wollte die Alte so schnell wie möglich loswerden, nahm den Teller und lüffelte das scheußliche Zeug.

 „Deine Schwester kann dir ewig dankbar sein", sagte die Amtsrätin.

„Wird sie aber nicht", murmelte ich. Eigentlich hatte ich mit der Amtsrätin gar nicht reden wollen. Doch schließlich war sie die einzige Person weit und breit, mit der ich reden konnte.

„Muss sie aber", sagte die Amtsrätin. „Ohne dich wäre die Sache noch viel ärger geworden!"

Lobend sagte die Alte das. Ich fühlte mich etwas geehrt. Und auch ein bisschen beruhigt.

Die Amtsrätin nahm mir den leeren Teller ab. „Wahrschein­lich wird sie froh sein, dass sie geholt wird!", sagte sie. „Sie wird wahrscheinlich ohnehin schon nicht mehr aus noch ein gewusst haben!"

„Sie wird sagen, dass ich daran schuld bin, dass sie heim muss!", sagte ich.

„Sie wird schön den Mund halten", sagte die Amtsrätin, „und sich die Sache eine Lehre sein lassen!"

 Ich bezweifelte das.

Die Amtsrätin fuhr fort: „Und hoffentlich vernünftiger wer­den. Man soll ja die Hoffnung nie aufgeben!"

So, wie sie das sagte, klang es aber, als hätte sie alle Hoffnung längst auf­gegeben, als hätte sie gar nie Hoffnungen gehabt. Zumindestens nicht, was die Ilse betrifft.

Ich wollte meine Schwester verteidigen. Doch mir fiel nichts ein. Darum sagte ich nur: „Ich mag die Ilse!"

 „Es gehört sich, dass Schwestern einander mögen", antwor­tete die Amtsrätin, nahm mir den leeren Teller weg, nickte mir hoheitsvoll zu und verließ das Zimmer.

 

Wortschatzerklärungen

 

 

° „ …wirst ja merken..“ = wirst du ja merken

° alte Schachtel = abwertend alte Frau

° auskommen = vertragen, sich verstehen

° „.. und dass die mich einen Dreck angehen..“ = das ist gar nicht meine Sache

° arg = schlimm, blse

° nicht mehr aus noch ein wissen = überhaupt nichts wissen

 

Aufgaben nach dem Lesen

 

 

1. Was haltet ihr vom Verhalten der Amtsrätin gegenüber Erika ?

Warum hat sie das Mädchen gelobt ?

 

2. Versteht ihr Erika ? Könnt ihr sagen, warum sie erschrocken und aufgeregt ist ? Ist das Lob der Amtsrätin wichtig für sie ?

 

3.  Übrigens, wie meint ihr, kann man die Suchaktion von Erika als Rettung der Schwester oder als sogenannten „ Bärendienst „ (медвежья услуга) betrachten ? Wie werdet ihr das verstehen, wenn ihr in der Lage von Erika bzw. von Ilse seid ?

 

 

4.  „ Es gehört sich, dass Schwestern einander mögen. „

    Nehmt bitte Stellung dazu :

a) im Falle Erika und Ilse

b) im Falle eurer eigenen Erfahrung

 

5. Gebt bitte den Inhalt des Kapitels aus verschiedenen Perspektiven ( Erika, die Amtsrätin, Oliver ) wieder !

 

6. Bildet bitte Hypothesen nach vorne !

Gibt es etwas, was ihr jetzt nach dem Ende des Kapitels gerne wissen mächtet ? Schreibt bitte eure Fragen ins Arbeitsheft !

 

 

Kapitel 21

 

 

Aufgaben vor dem Lesen

 

 

1. Lest den Titel des Kapitels und schaut euch die Illustration dazu an. Habt ihr einige Vorstellungen, worum es im Kapitel gehen wird ? Schreibt sie bitte ins Arbeitsheft auf !

 

2.  Lest das 21. Kapitel ohne Wörterbuch.

 


Дата добавления: 2018-02-15; просмотров: 193; ЗАКАЗАТЬ РАБОТУ